Von Not und Goldgräberstimmung 1989

Von den drei sächsischen Metropolen hieß es einmal: In Chemnitz würde das Geld erwirtschaftet, in Leipzig erhandelt und in Dresden ausgegeben. In den Nachwendejahren war von alledem nichts mehr zu spüren. Nichts mehr wurde erwirtschaftet, erhandelt oder ausgegeben. Räuber und Strauchdiebe übernahmen das Zepter.

Clemens Meyer schilderte in „Als wir träumten“ (2006) die turbulenten Nachwendejahre in Leipzig. Für Dresden folgt ihm darin zehn Jahre später Peter Richter mit „89/90″. Mit „Von eytel Raub und Strauchdieberey. Ein Schelmengeständnis.“ folgt nun der authentische Bericht aus Chemnitz:

Chemnitz in den Neunzigern. Bittere Not für die einen, Goldgräberstimmung für die anderen. Das Werk von Generationen wird verzockt, und zum Zug scheint zu kommen, wer dreist genug ist. Für Heranwachsende ist die Autorität zerbrochen und keine neue in Sicht. Wer mit besserer Ortskenntnis verfolgende Polizeiautos erfolgreich abhängt, verliert den letzten Respekt vor der Ordnung. Den Triumph auf der Straße verlacht aber die magere Barschaft, und Leergutklau ist auf Dauer unergiebig. Da hilft nur noch ein Banküberfall! Spätestens hier erweist sich, daß wir es nicht mit abgebrühten Ganoven, sondern mit Kindsköpfen zu tun haben. Die Härte der Buße wird nicht verschwiegen. Überhaupt zeigt die charmante Räuberpistole Glanz und Dürftigkeit der Jugend auf unsentimentale Weise und setzt dem »Wilden Osten« ein ganz eigenes Denkmal. (aus dem Klappentext „Von eytel Raub und Strauchdieberey. Ein Schelmengeständnis.“)

Die legale Vorteilnahme an anderer Geld und Gut kann so übergriffig und sittenwidrig verlaufen, dass sie an den Bereich des Kriminellen zumindest anstößt, oft genug aber auch weit in ihn übergreift, ihn zuletzt sogar verzweigter ausfüllt als es der eindeutige Gelegenheitsraub tut. Der Erfolg rechtfertigt Vieles, allzu oft viel zu Vieles. Dieses Buch rückt uns die Verhältnisse wieder gerade, indem es eine eindeutige Kontur des Verbrechens nachzeichnet. Dadurch kommt ihm zuletzt sogar noch eine sittliche Dimension zu. Der Räuber ist eine Erscheinungsform des menschlichen Dasein, wie der Bettler, die Hure, der Wucherer oder der Krieger. Sein Handeln hat seinen Preis und damit ist es genug. Der Autor ist sich wohl immer bewußt gewesen, was er tat. Man könnte bei ihm beinahe von einem spezifischen Handwerksstolz des reinen Kriminellen reden.
In seinem ahnungslosen Draufgängertum wird uns der Autor dieser Jugenderinnerungen nahezu sympathisch. Denn nach Abzug der Schuld bleibt zuletzt von der kriminelle Energie immer noch die Energie übrig. Die Freiheit, die jener Thomas und seine Kumpels sich übers Maß genommen hatten, die wurde ihnen damit wieder entzogen. Nach der bezahlten Zeche ist ihm eine einzigartige Erfahrung geblieben. Er verwirft keinen Teil seines Lebens. Wir Leser können uns erfreuen an der tröstlichen Schönheit der unverwüstlichen menschlichen Natur.

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Vom Autor des Erlebnisberichts ist nur sein Vorname bekannt. Vermutlich will er nicht als Schriftsteller in Erscheinung treten. Vielleicht mag er auch nicht prahlen mit seinen begangenen Untaten. Auf der anderen Seite ist ihm das Niedergeschriebene vermutlich zu kostbar, um es nur im Bekanntenkreis zu erzählen.

Von eytel Raub und Strauchdieberey. Ein Schelmengeständnis

Dem Autor dieser Erinnerungen ist -nicht ohne Selbstverschulden – mehrfach der Boden unter den Füßen weggezogen worden. Seine Aufzeichnungen sind ein rarer Fund. Hier wird nicht nur berichtet, hier spricht sich der Täter in seinen Taten selbst aus und er lässt uns rückblickend an seinen Plänen und Taten Anteil nehmen – gerade so als würden wir neben ihm stehen. Wir müssen die Taten des Autors weder billigen noch verteidigen. Es reizt das Flair eines Grenzbezirks, den wir hier betreten, der kleine Schritt von der wirtschaftlichen Kreativität hin zur kriminellen Energie.

Der Räuber ist ebenso eine Erscheinungsform des menschlichen Dasein, wie der Bettler, die Hure, der Wucherer oder der Krieger. Sein Handeln hat seinen Preis und damit ist es genug. Der Autor ist sich wohl immer bewußt gewesen, was er tat.

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Von Not und Goldgräberstimmung 1989
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