61% „OXI“ trotz mieser Tricks

von Niki Vogt (quer-denken)

Die Volksabstimmung am Sonntag in Griechenland, von der die Medien überall schrieben, daß es ein Kopf-an-Kopf-Rennen sei, war alles andere als das. Das Ergebnis war eindeutig. Und das, trotz aller Tricks und Finten. Die „NAI“ („Ja“ zu den Sparpogrammen)- Kampagne wurde mit großem Aufwand betrieben, die Regierung Tsipras wurde schwer unter Beschuß genommen, Varoufakis wurde behandelt, als sei er ein kläffender Straßenköter, den Griechen wurde gedroht, wenn sie mit OXI (Nein) stimmen würden, dann würden sie alle Ersparnisse verlieren.

Damit nicht genug: Die eigenen, griechischen Politiker der gegenwärtigen Oppositionsparteien entwarfen ein Strategiepapier, wie das Volk im Sinne der EU so gut es geht verängstigt und zu einem „JA“ zum EU-Sparprogramm gebracht werden könnte. Dieses sehr unschöne Strategiepapier wurde geleakt –  und hier ist es:

 

(Bild oben, Ausschnitt des Strategiepapiers)

Hier ist das Armutszeugnis für Demokratie in der EU und der Beweis für die Entschlossenheit, ein ganzes Volk durch Propaganda, Lügen und Manipulation dazu zu bringen willfährig zu sein, aus lauter Angst vor der ungewissen Zukunft.

Das Strategiepapier für die NAI-Kampagne („Ja“ zu den Sparprogrammen) der rechtsgerichteten, EU-freundlichen Nea Democratia (Neue Demokratie) enthält Anordnungen, wie die Öffentlichkeit zu beeinflussen sei, damit sie mit „Ja“ stimmt. Presse, Radio, Fernsehen, Umfrageinstitute … alle wurden mit einbezogen, den Griechen richtig Angst einzujagen, sollte die Volksabstimmung die Sparprogramme ablehnen. Eine der Taktiken war, Frauen und Rentner zu verunsichern, weil sie die verwundbarsten Mitglieder der Gesellschaft sind. Es sollten Schlangen vor den Bankomaten gezeigt und der Eindruck erweckt werden, es würde bei einem „Nein-Sieg“ sehr schnell alles Geld weg sein. Umfragen sollten so frisiert werden, daß vor der Wahl etwa eine 5- 10% Mehrheit für die JA-Stimmen herbeigefälscht wird, was die Leute zu entsprechenden Wahlentscheidungen bringen soll. Das Dokument enthüllt sehr schön, wie die Ja-Kampagne und ihre Betreiber die Angst vor Chaos, Untergang und Not schürten.

Doch hat das alles wenig genutzt.

Es steht zu befürchten, daß die Institutionen der EU es nun, da die Griechen dennoch stolz „Nein“ gesagt haben, nicht bei der Propaganda belassen. Man wird wahrscheinlich wirklich mit bedauerndem Achselzucken den Geldhahn abdrehen, die Banken werden geschlossen bleiben, das Volk kein Geld mehr abheben können. Handel und Gewerbe werden darniederliegen. Es bleibt abzuwarten, ob die Griechen dann wirklich zu Kreuze gekrochen kommen.
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Übersetzung des geleakten Strategiepapiers ins Deutsche (aus dem Englischen weiter unten)

Die Einschübe in den eckigen Klammern haben wir als Erklärung und Verdeutlichung eingefügt.

Hier der Text:

Der Ausgang der Abstimmung der Griechen wird in der Hauptsache davon bestimmt, was das kollektive Unterbewußtsein glaubt, was jetzt auf dem Spiel steht. Zur Zeit ist für die entscheidende Zielgruppe noch unklar, um was es genau geht.

die entscheidenden Zielgruppen
Zu einem „NEIN“ neigen:

Die produktive Altersgruppe von 25 bis 55 (hauptsächlich 35-45)
Städtische Zentren
die Wähler der Syriza 2015 (ca. 70%)

Zu einem „JA“ neigen:

Rentner
Landbevölkerung

Die Wähler der Pro-Europäischen Front (Nea Democratia, Potami, PASOK, DIMAR) sind zum großen Teil positiv eingestellt, mit Ausnahme einer nicht unwichtigen Gruppe von Nea Democracia-Wählern von über 10%

 

Unentschlossene:

Frauen
Jugendliche (18-25)
SYRIZA-Wähler, die von PASOK her kommen (ca 30%)
Wir halten fest, daß eine große Anzahl Bürger, die eine starke Mehrheit für ein „JA“ herbeiführen und sichern können, diejenigen Wähler der SYRIZA sind, die von der Pasok abgewandert waren. An diese sollten wir uns ganz besonders wenden. Wir sollten ihnen das Gefühl geben, daß das Land gerade international isoliert wird und daß sich Rußland und China von der SYRIZA-Regierung abwenden. Aus diesem Grund müssen unsere politische Sprachregelung genauso wie die symbolischen Inhalte unserer Kommunikation von Überredungskraft sein und – das vor allem – auch gehört werden. Die Politiker und Sprecher der Pro-Sparmaßnahmen werden diese Leute nicht überzeugen. Sie hören ihnen nicht einmal zu.

Es geht jetzt weder darum, zu beweisen, daß das Voraussagen-Szenario der linken Flügel zutreffend war, noch sich für die verlorene Wahl im Januar zu rächen. Die Volksabstimmung hat einen nationalen, nicht einen parteipolitischen Charakter. Die beiden Bürgermeister von Athen und Thessaloniki, Kaminis und Mpoutaris haben uns bei der gestrigen Demonstration in Athen gut vertreten. Sie sollten auch am Freitag die Demonstrationen anführen, zusammen mit Künstlern, Berufstätigen, Geschäftsleuten, arbeitssuchenden Studenten – jedoch nicht mit Parteifunktionären (bis jetzt ist die Arbeit von Leuten wie Christos Chomenidis, Pyrros Dimas, Dimitris Atheridis und auch der Repräsentanten der Produktiven Institutionen und der Handelskammern, die de facto den Großteil der Auftritte leisten, ganz außergewöhnlich).

Es ist wesentlich besser, Funktionäre der SYRIZA in die Fernsehshows zu Konfrontationen mit den Journalisten oder Repräsentanten des produzierenden Gewerbes zu schicken, als Nea Democratia-Funktionäre. Je mehr Polarisierung der politischen Parteien erfolgt, desto mehr glauben die Leute, daß wir falsch liegen, und das macht einen schlechten Eindruck.
Jetzt geht es um die Bürger und nicht um die Politiker!

Wir weisen darauf hin, daß, solange Bilder von Schlangen vor der Bank und vor Supermärkten das Bild [in den Medien] beherrschten, bei den Wählerbefragungen der Abstand sich zugunsten der Ja-Wähler  prozentual verdoppelt. Heute Morgen hat eine der Umfragefirmen einen Vorsprung von 10%  [für „Ja“] ermittelt! Sobald die Debatten der Politischen Führer auf die Agenda kamen, fiel der Prozentsatz.
Die Problematik:

Euro gegen Drachme begünstigt ein „Ja“
Europa gegen Griechenland einen kleinen „Nein“-Vorsprung

Sparmaßnahmen und Volksabstimmung begünstigt „Nein“
Tsiprag gegen Samaras begünstigt das „Nein“

Tsipras gegen andere, nicht politische Personen: Vorteil für „Ja“
Schlußfolgerungen:
Die grundlegende, politische Schlußfolgerung daraus ist: Um eine Mehrheit zum „Ja“ in der Volksbefragung zu bekommen, muß die Kampagne sich auf LEBEN, WÜRDE, STABILITÄT der Griechen mit dem Euro in Europa fokussieren.

Am Sonntag wählen wir für unser LAND, wir wählen für unser LEBEN.

Das KONZEPT für unseren SLOGAN:

JA ZU GRIECHENLAND!
JA ZU UNSEREN LEBEN!

(Das sollte mit dem Kampagnen-Slogan „Ja zu Griechenland, JA zum Euro“ kompatibel sein.)

Die weitere Losung:

Am Sonntag wählen alle Griechen gemeinsam mit JA für unser Land. Wir wählen entschieden Stabilität und Würde.

 

VORAUSSAGEN ZUM ERGEBNIS:

Wir beurteilen die Perspektive für das „Ja“ als positiv, dennoch sehen wir den Wandel in der Einstellung der öffentlichen Meinung, doch da sich dieser in ungeheuer schnellen Rhythmen vollzieht, weiß das auch von denen, die zum „Ja“ hinüberwechseln niemand [so wirklich]. Aus diesem Grund muß, soweit dies möglich ist, die Umfrage- und soziale Dynamik zugunsten des „JA“ von den Umfragewerten der Befragungsinstitute belegt werden – also gezeigt werden, daß es da zur Zeit eine Dynamik  zugunsten des „Ja“, gebe, und daß die stabil sei. Aber nicht alle mit gleichen Prozentzahlen, weil die Leute sehr mißtrauisch sind, was die Umfrageinstitute angeht. Man hält si für einen Teil des Systems.

Andererseits muß am Freitag, den 3. Juli – dem letzten Tag, an dem es erlaubt ist, Umfrageergebnisse zu veröffentlichen, eine klare und ganzheitliche Oberhand des „JA“ herausgestellt werden, eine Oberhand, die keinen Zweifel zuläßt, aber auch unseren Wählern nicht erlaubt, selbstzufrieden [zu siegessicher] zu sein.

Eine Differenz, die sich zwischen 5 und 10% bewegt [muß es sein], abhängig von der Umfrage-Firma. Es ist hier wichtig anzumerken, daß in ähnlichen Volksabstimmungen im Ausland, das „Ja“ normalerweise unterrepräsentiert ist.

Schlüsselargumente/wichtige Punkte
Die Diskussion über das Thema Tourismus hinaus, das jetzt zeitlich angebracht ist, muß sich drei anderen Punkten zuwenden:

Falls „Nein“ gewinnt, was wird am folgenden Tage passieren mit:
– EU-Entwicklungs-Funds
– EU- Agrar-Entwicklungs-Funds
– Sparguthaben

ACHTUNG!

Es ist wichtig – besonders nach der heutigen Rede von Tsipras – die Frage zu vermeiden: „Wer ist an der Bankenschließung schuld?“
In dieser Sache sind die Meinungen der Leute sehr geteilt, diese Angelegenheit ist eine Technische und schwer zu erklären. Darum müssen wir – anstelle zu diskutieren, warum die Banken geschlossen sind – den Leuten folgende, simple Frage stellen: „Unter welcher Regierung wurden die Banken geschlossen?“

Demos Lab
N.K.

 

Englisch:

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The way that the Greeks will vote will be decided mainly from what the collective sub-consciousness will consider to be at stake. At this moment, for the crucial target groups what’s at stake is still unclear.

Crucial Groups:
In favor of NO
Productive ages 25-55 (mainly 35-45)
Urban centers
2015 SYRIZA voters (~70%)

In favor of YES
Pensioners
Countryside

The voters of the Pro-European Front (ND – POTAMI – PASOK – DIMAR) have to a large extent a positive approach, with the exception of a non-insignificant New Democracy voters that exceeds 10%

Undecided
Women
Very young ages 18-25
SYRIZA voters coming from PASOK (~30%)

Let us note that the big mass of citizens that can grow and secure a strong majority for YES, are the SYRIZA voters coming from PASOK. We should specifically refer to them. We should indicate the international isolation of the country and the fact that countries such as Russia and China are distancing themselves from the SYRIZA government. For this reason, our political discourse, as well as the symbolic content of our communication should be persuasive, but most importantly, heard. Officials of the pro-memorandum ND are not convincing them. They don’t even listen to them.

This is not the time to prove that the left-wing parenthesis scenario was correct, neither to take revenge for the lost elections of January. The referendum has a national, not a party character.
The two mayors of Athens and Thessaloniki, Kaminis and Mpoutaris represented us well in yesterday’s demonstration in Athens. They should also be put in the head of the Friday’s demonstration, next to artists, professionals, businessmen, unemployed-students, but not party officials (up to now the work of people like Christos Chomenidis, Pyrros Dimas, Dimitris Atheridis, as well as the representatives of productive institutions and the commerce chambers that hold a de facto majority of representation, is exceptional).

It is better to put in the TV shows officials of SYRIZA confronting journalists or productive sectors’ representatives, not ND officials. The more political party bipolarism is created, the more we are considered to be wrong and therefore make a bad impression.
It is the time of citizens, not politicians!

Indicatively, we report that whilst the images that prevail are the queues outside banks and the supermarkets, the exit polls difference in favor of YES are double in percentage. This morning, in one of the polls’ companies, the difference arrived at 10%! When the political leaders’ debate issue entered the agenda, the percentage fell.

Dilemmas:
Euro vs. Drachma gives advantage to YES
Europe vs. Greece small advantage to NO
Measures and Memorandum gives advantage to NO
Tsipras vs. Samaras to NO
Tsipras vs. other, non-political figures to YES

Conclusions:
The basic political conclusion is that in order for YES to prevail in the referendum, our campaign should focus on LIFE, DIGNITY, STABILITY of the Greeks, with Euro, inside Europe.
This Sunday we vote for our COUNTRY, we vote for our LIFE.
SLOGAN CONCEPT:
YES FOR GREECE
YES FOR OUR LIVES
(Should be compatible with the online campaign’s concept “Yes for Greece, YES for Euro”)
SUBSLOGAN

On Sunday, all Greeks together vote YES for our country. We positively choose stability and dignity.

PREDICTION OF FINAL OUTCOME:
We consider that the perspectives of YES are positive, yet realizing the change in the public opinion stance (swing), as it happens with tremendously rapid rhythms, cannot be believed neither by those who are swinging towards YES.

That is why, to the extent that it is possible, the poll/social dynamic in favor of YES should be represented scaling by the poll companies, that is to show that there is a dynamic – current in favor of YES, which is stable. But not with similar percentages, as the people are still suspicious towards poll companies. They are considered part of the system.

On the other hand, on Friday July 3rd, that is the last day allowed by law to publish polls, a clear and holistic prevailance of YES should be highlighted, one that does not allow any doubts to be raised, neither allows though (our voters) to become complacent.

A difference that ranges from 5 to 10 per cent, depending on the company. It is important to note that in similar referendums abroad, YES is usually underrepresented.

Key Arguments/Points
The discussion, beyond the tourism issue that is timely, should turn to three other points:

What will happen the day after, if NO prevails, with respect to:
– EU development funds
– EU agricultural development funds
– Bank deposits

ATTENTION!
It is important to avoid – especially after today’s Tsipras speech – the question “Whose fault is the bank holiday?”. There, the people’s opinions are divided, the issue is technical and hard to explain. That is why, instead of discussing why banks are closed, we should address to the people the following simple question: “UNDER WHICH GOVERNMENT DID BANKS CLOSE?”.

Demos Lab
N.K.

61% „OXI“ trotz mieser Tricks
2 Stimmen, 5.00 durchschnittliche Bewertung (98% Ergebnis)

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