Antwort auf Olaf Sievert von Hans-Werner Sinn

Von Hans-Werner Sinn am 6. März 2012

Lieber Herr Sievert,

haben Sie vielen Dank für Ihren offenen Brief vom 3. März 2012. Ich bin mir nicht sicher, ob ich alles von dem richtig verstehe, was Sie schreiben, und schon gar nicht weiß ich, wo ich genau ansetzen soll, denn Sie schreiben ja selbst, dass Sie vor allem das aufschreiben, wo wir uns einig sein können. Dennoch hier der Versuch einer kurzen Erwiderung.

Natürlich ist Target ein Zahlungssystem, und nicht ein Finanzierungssystem. Target misst primär nur den Geldfluss zwischen Ländern, halt den Zahlungsbilanzsaldo. Sekundär misst Target aber auch Kredite, weil der Refinanzierungskredit in den beteiligten Ländern gegenläufig so verändert wird, dass sich die Geldmengenverteilung trotz des internationalen Geldflusses nicht ändert.

Das ist der Sachverhalt. Bis zur Krise floss billiges privates Kreditgeld (z.B. von Banken oder Versicherungen) vom Kerneurogebiet in die Peripherie und finanzierte den Geldrückfluss aus diesen Ländern zu uns, mit dem Waren bei uns gekauft wurden. Nach dem Ausbruch der Finanzkrise versiegte der private Kreditstrom aus dem Kern in die Peripherie. Die Länder der Peripherie holten sich das fehlende Kreditgeld aus der (elektronischen) Notenpresse der eigenen Zentralbank. Das ging, weil sich die Notenbanken auf Geheiß des EZB-Rates mit immer geringeren Sicherheitsanforderungen für die Pfänder der von ihnen vergebenen Refinanzierungskredite begnügten. So konnten die peripheren Länder unsere Waren weiter kaufen, obwohl sie keinen Kredit mehr bekamen. Zunehmend haben sie auch Fluchtgeld mit der Notenpresse kompensiert. Die Banken Deutschland, Luxemburgs und Hollands zogen nämlich auch ihre bereits verliehenen Kreditbestände zurück. Die Krisenländer haben also mit dem internationalen Geldfluss, der durch Target gemessen wird, Waren gekauft oder Schulden getilgt (oder, was dasselbe ist, Vermögensobjekte bei uns gekauft).

In Deutschland versuchten die Banken, das sich aufstauende Geld an die Bauherren und die Wirtschaft zu verleihen, was den Investitionsboom erklärt. Doch durch den Verleih verschwand das Geld nicht, sondern wechselte nur die Konten. Deshalb haben die deutschen Banken das überschüssige Geld bei der Bundesbank angelegt oder von dort weniger Kreditgeld für eigene Zwecke bezogen: Der Netto-Refinanzierungskredit der Bundesbank und das damit geschaffene Geld wurde eins zu eins durch das aus der Peripherie netto nach Deutschland fließende Geld verdrängt. Kurzum, Geld wurde im Süden über das Maß hinaus (elektronisch) gedruckt, das für die eigene Geldversorgung benötigt wurde, um Güter bei uns zu kaufen und Schulden zu tilgen, und dann hat die Bundesbank das hereinströmende Geld (elektronisch) geschreddert.

Also nochmal: Die Target-Salden messen direkt den Nettogeldstrom aus der Peripherie in den Kern des Eurogebietes und indirekt auch die Verlagerung der Zentralbankkredite vom Kern in die Peripherie. Sie führen zu Forderungen und Verbindlichkeiten der Notenbanken der einzelnen Länder gegenüber dem Eurosystem. Die treffendste Kurz-Heuristik für die Target-Forderung der Bundesbank ist, dass sie zeigt, in welchem Umfang die Bundesbank ihre Notenpresse verliehen hat.

Indem das Zentralbankensystem das Nachdrucken des abfließenden Geldes in der Peripherie erlaubte, wurde dort auf den Kapitalmärkten mehr und bei uns weniger Kredit angeboten, als es ohne diese Politik in der Krise der Fall gewesen wäre. Gleichwohl gab es in Deutschland natürlich per Saldo mehr Kredit als ohne die Krise, weil die Kreditverlagerung durch das EZB-System die Umlenkung der privaten Kapitalströme nach Deutschland nur bei den kurzfristigen Krediten hat kompensieren können.

Target-Salden zu betrachten, hat auch schon vor dem Euro-Untergang seinen Sinn, weil die Salden öffentliche Kredite durch das EZB-System messen. So sind sie verbucht, so werden sie genannt (“Auslandsposition der Bundesbank”), und so sind sie wegen der Kreditverlagerung zu interpretieren. Der Kreditfluss durch das Eurosystem bedeutet einen öffentlichen Geleitschutz für das deutsche Sparkapital, das sich nicht mehr in den Süden traut. Es kommt mit den großzügigen Refinanzierungskrediten, die den Südbanken gewährt werden, eine andere Allokation des deutschen Sparkapitals zustande als ohne.

Im Übrigen ist das, was beim Untergang passiert, entscheidend für das Verhandlungsergebnis bei den offiziellen Rettungsschirmen, deren Zweck es ist, genau diesen Untergang zu verhindern. Die Target-Forderungen sind ein Drohpotenzial gegenüber Deutschland. Da jeder weiß, dass Deutschland das Geld kaum wird einklagen können, wenn der Euro zerbricht, ist Deutschland bereit, hohe Kosten zur Verhinderung dieses Untergangs auf sich zu nehmen.

Alles wäre nicht so weit gekommen, wenn die EZB die Sicherheiten für Refinanzierungskredite nicht so dramatisch gesenkt hätte, wie sie es tat. Erst durch die Absenkung der Sicherheiten ist eine Situation entstanden, in der der gleiche Zins für Refinanzierungskredite nicht mehr angemessen war und es faktisch zu einer Subventionierung des Kreditflusses in den Süden kam. Wenn die Märkte falsch lagen, war die Politik der EZB vertretbar. Wenn aber die Märkte richtig lagen und den Süden aus gutem Grund gemieden haben, dann war die Politik der EZB falsch. Ich glaube, seit Lehman haben sich die Gewichte immer mehr vom ersten zum zweiten Fall verschoben.

Ich denke, wir sollten es machen wie in Amerika. Dort muss der jährliche, durchschnittliche Zuwachs der Target-Schuld einmal im Jahr ausgeglichen werden. Die Folge ist, das wesentlich kleinere Target-Salden entstehen als bei uns. Die Bundesbank hätte, würde man die Rechenregel der USA auf die Eurozone anwenden, das Recht 320 Mrd. Euro an sicheren, marktgängigen Wertpapieren von den anderen Euro-Zentralbanken als Tilgung zu erhalten. Dazu hänge ich Ihnen einen Aufsatz  von mir an.

Mit bestem Gruß
Ihr
Hans-Werner Sinn

Quelle: http://wirtschaftlichefreiheit.de/wordpress/?p=8812

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