Dekadenz ist nichts Neues

„Er spürte, daß er sie alle gekannt hatte, jene seltsamen, schrecklichen Figuren, die über die Bühne der Welt gegangen waren, und das machte die Sünde so wunderbar und böse, so voller Raffinessen.“

Bild: pixabay

Die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg um „1900“ gilt ist eine Zeit der „Umwertung aller Werte“, geprägt von der künstlerischen Bewegung der Dekadenz. Realitätsflucht und ästhetizistische Lebenssteigerung, episodisches Lebensgefühl und Erlösungsbewusstsein kennzeichnen die Jahre bis 1914, als die Epoche schlagartig ausgelöscht wurde. Der Prototyp dieser Epoche ist der Dandy, der durch einen extremen Subjektivismus, durch eine neurasthenisch gesteigerte Sensibilität und eine ästhetizistischen Lebenshaltung diese riskante Wende übersteht.

Oscar Wilde hat dieser Epoche ein bleibendes Denkmal gesetzt. Seine Romanfigur Dorian Gray wurde eine der berühmtesten Figuren der Weltliteratur: So stauneswert schön er ist, so unverdorben und naiv ist sein Blick auf die Welt. Verführt durch den geistreichen Zyniker Lord Wotton, stürzt Dorian sich haltlos ins lüsterne Londoner Nachtleben. Ausschweifung und Genuss wecken in ihm den innigen Wunsch nach unvergänglicher Jugend – und auf wundersame Weise altert fortan nicht mehr er selbst, sondern ein Porträt von ihm. Doch Dorians unbedachter Pakt mit dunklen Mächten hat grausame Folgen…

Der Roman, der Oscar Wilde zum Skandalautor machte, war nicht die weithin bekannte Buchfassung des „Dorian Gray“. Der Text, der Wilde als unmoralischen Schriftsteller brandmarkte und aus dem später in der Gerichtsverhandlung wegen „Sodomie“ zitiert wurde (die Wilde ins Gefängnis brachte), war ein Abdruck des „Dorian Gray“ in „Lippincott’s Monthly Magazine“. Für die Buchfassung entschärfte Wilde diesen Text. Er verwässerte durch Zusätze, strich einige allzu offensichtliche Stellen, stellte verfängliche Passagen um, änderte verräterische Namen, fügte eine Nebenhandlung ein und stellte ein Vorwort voran, in dem es heißt: „Es gibt weder moralische noch unmoralische Bücher. Es gibt nur gut geschriebene und schlecht geschriebene. Das ist alles.“

„Egoismus besteht nicht darin, daß man sein Leben nach seinen Wünschen lebt, sondern darin, daß man von anderen verlangt, daß sie so leben, wie man es wünscht.“

Wer möchte, kann in Wildes Roman Parallelen zur Gegenwart entdecken.

Dekadenz ist nichts Neues
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4 Kommentare

  1. Richtig, Dekadenz  ist  nichts  neues.  Sie  tritt    immer   wieder   in regemäßigen  Zyklen    auf.  Derzeit  erleben  wir doch    Dekadenz  wieder  mal  auf   allen  Ebenen,  in  allen  Lebensbereichen.  Das geht wahrscheinlich  solange,  bis  die  Menschheit    wieder  eine  Lektion erteilt bekommt.   Die  Vernunft,  der  Verstand,  die  Realität  und auch das  Machbare  wird  ausgeblendet.  Es  dauert noch,  bis sich das  ändert.  Man fordert,  man  will  und  will,  mehr  und  mehr, man  rennt  Illusionen  hinterher  die  abseits  jeder  Machbarkeit  liegen.  Der   Größenwahn  feiert einen  neuen  Triumph.   Ebenso  ist  auch  alles, was  gegen  die menschliche  Natur, gegen  die  menschliche  angborene   Verhaltensbiologie     ist  ,   zum  Scheitern  verurteilt.  Das  werden  wir  alle  noch bitter   erfahren.  

  2. „Egoismus besteht nicht darin, daß man sein Leben nach seinen Wünschen lebt, sondern darin, daß man von anderen verlangt, daß sie so leben, wie man es wünscht.“  Oscar Wilde

    Oha …

  3. An dieser Stelle hätte ich auch einen Buchtipp:

    Der Untertan, von Heinrich Mann

    Heinrich Mann erzählt mit ironischer Distanz Diederich Heßlings Lebensgeschichte von dessen Kindheit bis hin zur Sicherung seiner Stellung in der wilhelminischen Gesellschaft.

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