Ein „Fiat-Geld-Boom“ endet in einer Depression

Ein „Fiat-Geld-Boom“ endet in einer Depression. Deren Kosten können jedoch verringert werden, wenn die Zentralbanken sofort aufhören, die Zinsen zu manipulieren und die Geldmenge auszuweiten.

Von Thorsten Polleit am 10. Mai 2012

„The reason why I think that too deliberate striving for immediate usefulness is so likely to corrupt the intellectual integrity of the economist is that immediate usefulness depends almost entirely on influence, and influence is gained most easily by concessions to popular prejudice and adherence to existing political groups.”
Friedrich August von Hayek, (1991 [1944]), On Being An Economist.

I.
Viele Ökonomen, nicht selten mit besten Absichten, wollen mit ihren Ratschlägen, die sie an Zentralbank- und Regierungspolitiker, Regulierungsbürokraten und vor allem auch die breite Öffentlichkeit richten, zu einer „Lösung“ der Finanz- und Wirtschaftskrise beitragen. So empfehlen einige von ihnen, die Zentralbankpolitiker sollten das Gelddrucken nicht zu weit treiben, wenn es gilt, unrentable Banken und Staaten über Wasser zu halten; Regierungspolitiker sollten sich der Zustimmung zu immer größeren Staatsdefiziten und „Rettungsschirmen“ versagen; Finanzaufsichtsbehörden sollten die „Regulierungszügel“ mutig anziehen, ungeachtet des Widerstandes aus der Bank- und Finanzwirtschaft; und nicht zuletzt sollten die Wahlbürger nicht mehr chronisch auf Kosten künftiger Steuerzahler leben und Staatsausgabekürzungen zustimmen.

Solche Appelle stützen sich auf eine ökonomische Theorie, die im Kern besagt, dass eine Rückbesinnung auf ökonomisch vernünftiges Verhalten – also zum Beispiel eine solide Finanz- und Geldpolitik – die aktuelle Krise überwinden kann, dass die Volkswirtschaften auf diese Weise „gesundet“ werden und aus der Krise „herauswachsen“ können. Dass das jedoch eine beschönigende Lesart der wahren ökonomischen Zusammenhänge ist, wird offensichtlich, wenn eine andere ökonomische Theorie verwendet wird: und zwar die Theorie der Österreichischen Schule der Nationalökonomie. Mit den Erkenntnissen, die ihre Vertreter erarbeitet haben, kann nicht nur die (Kern)Ursache der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise im Papiergeld- oder auch „Fiat“-Geldstandard erblickt werden. Sie zeigen zudem auch die unentrinnbaren Konsequenzen auf: dass nämlich ein mit Fiat-Geld finanzierter (Schein)Aufschwung („Boom“) notwendigerweise in eine Rezession-Depression – also eine Phase (schwerer) Produktions- und Beschäftigungsverluste – führen muss. Wie erklärt sich diese Schlussfolgerung?


II.
Der Fiat-Geldstandard zeichnet sich dadurch aus, dass Geld per Bankkreditvergabe produziert wird; Geld wird hier sprichwörtlich „aus dem Nichts“ (ex nihilo), geschaffen durch Kreditvergabe, die nicht durch „echte Ersparnis“ gedeckt ist. Das Ausweiten der Fiat-Geldmenge per Bankkredit ist nicht nur inflationär – führt also zur Geldentwertung und einer erzwungenen Umverteilung –, sondern es löst zudem auch Fehlallokationen aus (durch „Überkonsum“ und „Fehlinvestitionen“). Der künstlich herabgedrückte Zins verleitet Unternehmen zu Investitionen, für deren Verwirklichung nicht ausreichend Ressourcen (zu herrschenden Preisen) zur Verfügung stehen und deren Rentabilität davon abhängt, dass der Zins künstlich niedrig gehalten beziehungsweise durch fortwährende Kredit- und Fiatgeldmengenausweitung auf ein immer niedrigeres Niveau geschleust wird.

Ein durch Fiat-Geld in Gang gesetzter Boom lässt sich nur durch immer mehr Kredit und Geld, begleitet von immer tieferen Zinsen, aufrechterhalten. Je länger aber der Fiat-Geld-Boom andauert, desto grösser werden die Kapitalfehlleitungen und vor allem auch die Verschuldungslasten der Kreditnehmer (relativ zu ihrem Einkommen) sein, und desto höher werden auch die Kosten des finalen Kollaps des Fiat-Geld-Booms ausfallen. Dass ein mit Fiat-Geld angezettelter Boom in einer Depression enden muss, formulierte Mises im Jahr 1940 wie folgt: “[T]he boom cannot continue indefinitely. There are two alternatives. Either the banks continue the credit expansion without restriction and thus cause constantly mounting price increases and an ever-growing orgy of speculation, which, as in all other cases of unlimited inflation, ends in a “crack-up boom” and in a collapse of the money and credit system. Or the banks stop before this point is reached, voluntarily renounce further credit expansion and thus bring about the crisis. The depression follows in both instances.”

III.
Wenn das Ausweiten der Kredit- und Fiat-Geldmenge zum Stillstand kommt, stellt sich eine Depression aufgrund von zwei miteinander verbundenen Gründen ein. Erstens: Investitionen sind zeitintensiv; eine Erkenntnis, der in der Kapitaltheorie der Österreichischen Schule der Nationalökonomie große Aufmerksamkeit geschenkt wird. Kehrt der Zins auf sein „natürliches Niveau“ zurück, weil der Zustrom von neuem Kredit und Fiat-Geld versiegt, werden nicht alle angefangenen Investitionsprojekte zum Abschluss gebracht werden können. Viele Investitionen müssen vor ihrer Vollendung liquidiert werden, und die damit verbundenen Arbeitsplätze gehen verloren. Die herrschende Produktions- und Beschäftigungsstruktur lässt sich nicht mehr aufrechterhalten, Ressourcen müssen neu bepreist werden.

Zweitens: Investitionen sind vielfach spezifisch, d. h. durch sie werden knappe Ressourcen verbindlich in einer gewählten Verwendungsrichtung gebunden; sie lassen sich nicht mehr ohne weiteres in andere Verwendungen lenken. Beispiele sind „Bauruinen“: Menschliche Arbeitskraft und andere knappe Ressourcen wurden aufgewendet für das Erstellen von Bauten, die sich als unrentabel erweisen; ein (Gross-)Teil der verwendeten Ressourcen (vor allem die Arbeitskraft) lässt sich nun nicht mehr anderen, produktive(re)n Verwendungen zuführen. Und je höher die Spezifizität der aufgewendeten Ressourcen ausfällt, desto höher fällt auch der Verlust der gesamtwirtschaftlichen Produktionskapazität aus. Mises betonte daher stets, dass ein Fiat-Geld-Boom die Volkswirtschaft verarmen lasse.

In einem politischen System, in dem Kurzfristorientierung der Regierenden vorherrscht, und in dem gleichzeitig die Einkommens- und Vermögenslage weiter Teile der Bevölkerung von Staatszuwendungen und dem Weiterführen des Fiat-Geldstandards abhängen – alles dies trifft für die westlichen Umverteilungs-Demokratien zu –, ist zu erwarten, dass „man alles versucht“, um den Ausbruch der Krise (weiter) in die Zukunft zu verschieben – selbst wenn das nur temporär Erleichterung bringt und die Kosten der künftigen Krise weiter in die Höhe treibt. In diesem Kalkül erscheint das Ausweiten der Geldmenge im Vergleich zu Pleiten von Banken und Staaten nur zu leicht als das vergleichsweise kleinste Übel. Es ist diese Anreizstruktur, die Gefahr läuft, das schlechteste aller Ergebnisse des Fiat-Geld-Booms hervorzubringen: nicht nur Depression, sondern Depression und Zerstörung des Geldes.

Quelle: Wirtschaftliche Freiheit

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