Euro in Turbulenzen, Gold in neuem Glanz

Manfred Gburek, 15. Juni 2012

Bis zum Freitagabend habe ich etwa zwei Dutzend ernst zu nehmende Versionen zur Kenntnis genommen, was nach der Griechenland-Wahl vom Sonntag mit dem Euro und mit Ihrem Geld geschehen könnte. Am Ende erscheint mir die von Friedrich Merz, Vorstand des Vereins Atlantik-Brücke und im Nebenberuf unter anderem Aufsichtsrat von Borussia Dortmund, besonders plausibel: Griechenland sei unter den jetzigen Bedingungen wirtschaftlich „nicht überlebensfähig“, doch wie der Austritt des Landes aus der Eurozone vonstatten gehen solle, bleibe offen. „Ich glaube nicht, dass der Euro in der heutigen Konstellation noch in einem Jahr bestehen wird“, gab Merz am Freitag den Teilnehmern eines Mittelstandsforums von GE Capital in Frankfurt mit auf den Weg.

Zur Erinnerung: Merz war vor zehn Jahren in der CDU der ärgste Rivale von Angela Merkel. Durch sein Wirken in der Atlantik-Brücke verfügt er über eine ganze Reihe von exklusiven Informationen zum transatlantischen Verhältnis und als Partner der internationalen Anwaltskanzlei Mayer Brown LLP sowie durch einige weitere Aufsichtsratsmandate auch über intime Kenntnisse der europäischen Unternehmenslandschaft.

Nun werden Sie sich als Beobachter der Finanzmärkte sicher fragen, warum der Euro ausgerechnet in den vergangenen Tagen gegenüber dem Dollar stark geworden ist. Hat ihn die Hoffnung nach oben getrieben, Griechenland werde sich nach der Wahl vom Euro trennen und dadurch eine Last von ihm nehmen? Unwahrscheinlich, denn zum einen machen die Griechen nur einen Mini-Bruchteil im Eurosystem aus, und zum anderen ist ja immer noch nicht ausgeschlossen, dass ihr Abschied vom Euro eine neue Spekulationswelle gegen ihn auslösen könnte.

Plausibler ist da eher, dass es sich um eine sogenannte technische Reaktion handelt, das heißt, dass die Anti-Euro-Spekulanten ihre Gewinne mitgenommen haben, um schon bald die nächste Attacke gegen den Euro zu starten. Diese Erklärung passt auch besser zu einer weiteren These von Merz, der sich besonders große Sorgen um Frankreich macht: Was der neue Präsident Hollande versprochen habe, sei „nicht finanzierbar“.

Welche Rolle spielt Gold in dieser Gemengelage der beiden Währungen? Aus Anlegersicht eine ziemlich wichtige. Sein Preis tendiert unter Schwankungen nach oben; dabei wird es bleiben, und zwar in Euro wie in Dollar. Die Ursachen sind dieselben wie bereits vor einem Jahr: Staatsschulden, negative Realzinsen, Flucht in die Sicherheit. Der nächste Gold-Hype ist allerdings noch einige Monate entfernt. Damit er kommt, bedarf es einer Eskalation der Währungsprobleme und einer neuen Geldschwemme.

Letztere war unter Börsianern ja schon am Freitag das herausragende Gesprächsthema, als man die Aktienkurse mit einem seltsamen Argument steigen ließ: Komme es in Griechenland zu einem Wahlausgang, der den Austritt des Landes aus der Eurozone zur Folge habe, würden die wichtigsten Zentralbanken zur Vermeidung eines internationalen Börsenkrachs sehr viel Geld in die Märkte pumpen. Seltsam ist dieses Argument deshalb, weil es allein auf dem Wunschdenken einiger Börsenspieler beruht.

Wunsch und Wirklichkeit liegen noch ein wenig auseinander. Was aber nicht heißt, dass die Zentralbanken tatenlos bleiben werden, falls sie – in diesem Fall vor allem die Europäische Zentralbank und die Fed in den USA – gefordert sind. Was hüben die Eurokrise ist, die man nicht eskalieren lassen will, ist drüben die anstehende Präsidentschaftswahl Anfang November, vor der es keinen Konjunktureinbruch geben darf, damit US-Präsident Obama die Chance auf seine zweite Amtsperiode bekommt. Eines gilt indes für beide Seiten des Atlantiks: Die Staatsschulden werden durch das Geldpumpen im Endeffekt nicht kleiner, sondern größer.

Da Gold unter anderem die Funktion hat, Sie vor diesem Ungemach zu schützen, sei hier noch kurz seine aktuelle und die weitere Entwicklung ins Visier genommen. Was mir zuletzt – besonders wieder am Freitag – aufgefallen ist: Die Aktienkurse der führenden Goldkonzerne entwickeln sich nicht mehr durchweg überproportional nach oben, wenn der Goldpreis steigt, sondern hinken ihm auffallend oft hinterher. Das lässt sich besonders gut am Verlauf der beiden Indizes XAU und HUI ablesen.

Die einfachste Erklärung dafür ist, dass viele Anleger Gold in physischer Form (Barren und Münzen, aber auch Goldfonds, die Ansprüche auf Barren verbriefen) als sicheren Hafen und Schutz vor allen erdenklichen Übeln bevorzugen, während sie Goldaktien derzeit eher mit anderen Aktien in einen Topf werfen. Das hat dazu geführt, dass viele Goldaktien, Silberaktien inbegriffen, nach gängigen Kriterien der Aktienbewertung (Kurs-Gewinn-Verhältnis, Dividendenrendite u.a.) aktuell geradezu spottbillig erscheinen. Je länger dieses Missverhältnis andauert, desto kräftiger werden die Kurse der Gold- und Silberaktien später steigen.

Nicht zu vergessen sind in diesem Kontext Fonds, die sich auf Edelmetallaktien spezialisiert haben – ein extrem zyklisches Geschäft: Stehen die Aktienkurse oben, werden die Fonds in vielen Fällen geradezu mit Geld zugeschüttet, was deren Manager praktisch zwingt, weitere Aktien zu kaufen. Stehen die Aktienkurse dagegen unten, kommt es immer wieder zur Liquidation von Fondsanteilen. Die Folge: Manager sind gezwungen, Aktien zur Unzeit zu verkaufen. Als Anleger kann man solche Zyklen durch direkte Aktienkäufe zum eigenen Vorteil nutzen. Die Zeit dafür ist jetzt gekommen, denn an den Bewertungskriterien und damit an der aktuellen Preiswürdigkeit der Edelmetallaktien hat sich ja grundsätzlich nichts geändert.

Die Hauptargumente pro Gold – im Großen und Ganzen auch für das stärker schwankende Silber – bleiben wie erwähnt bis auf Weiteres bestehen: Staatsschulden, negative Realzinsen und Flucht in die Sicherheit. Schon bald hinzukommen wird das Sentiment, nur unzureichend übersetzt mit dem Begriff „Gefühl“ aus dem Wörterbuch, eher mit „Stimmung“. Erkennbar wird dies daran, dass die vorübergehenden Preisrückschläge immer wieder aufgeholt und alte Zwischenhochs übersprungen werden. Zum Sentiment gehören auch Schlagzeilen. Vor einem Jahrzehnt, als der Goldpreis noch tief stand, habe ich sie gesammelt und immer wieder mal veröffentlicht, zum Beispiel „Der Mythos Gold verblasst“ (Bilanz), „Ohne Glanz“ (Finanztest) oder „Am Golde hängt nichts mehr“ (FAZ). Insofern hat mir am 1. Juni eine Überschrift, wieder in der FAZ, Mut gemacht, das Edelmetall auch vom Sentiment her wieder als kaufwürdig einzustufen: „Gold ohne Glanz“.

Quelle: Gburek

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Kommentare

Euro in Turbulenzen, Gold in neuem Glanz — 1 Kommentar

  1. Um zu verstehen, warum es seit dem Jahr 2000 bereits zum zweiten mal zu dieser sehr ungewöhnlichen Situation bei den Zinsen kommt, muss man wissen, dass es sich bei der Finanzkrise nicht um eine isolierte Immobilienkrise mit normalen Folgen für Banken, Verbraucher und Konjunktur handelt. Vielmehr sind wir mit einer über Jahrzehnte gewachsenen Überschuldung angelsächsischer und südeuropäischer Verbraucher konfrontiert, ausgelöst durch hemmungslosen Überkonsum, finanziert durch die exzessive Beleihung von Vermögenswerten. Ermöglicht wurde diese Schuldenorgie durch sehr risikotolerante Banken, die sich auf die implizite Bailout-Garantie der Notenbanken verließen. Diese Garantie wurde 1998 manifestiert und als sogenannter Greenspan-Put (später Bernanke-Put) bekannt. Als sich damals im Zuge der Russlandkrise der von Nobelpreisträgern gemanagte Hedgefonds LTCM mit Rubel-Anleihen verspekulierte, wurde der Fonds von der US-Notenbank unter Vorsitz von Allen Greenspan mit 300 Mrd. US$ gerettet. Warum? Der Fonds war systemrelevant. Von da an gab es keine Angst und keine moralischen Fesseln mehr für Großbänker und Möchtegerngroßbänker. Dies galt sowohl beim Zocken im Eigenhandel als auch für das Kreditgeschäft. Die einzige Ausnahme seit dem bildete die Investmentbank Lehman Brothers. Ihr wurde der Barnanke-Put verwehrt. Doch diesen Fehler machte man nur einmal. Seit dem gilt sie wieder, die Bailout-Garantie.

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