Frohes Stressfest

Von Ronald Gehrt

Liebe Leserinnen und Leser,

mein lieber Gesangsverein, was bin ich heute besinnlich. Aber man kann sich dieser
wunderbaren Zeit auch nicht entziehen. Die stressverzerrten Grimassen im Supermarkt, wo
schreiende Mütter schreiende Kinder bändigen., während das Nonstop-Weihnachtsgedudel
aus der Dose sukzessive die Gehirnzellen auflöst. Wo die Betreiber, vom Andrang mal
wieder völlig überrascht, nur vier von zehn Kassen öffnen. Wo mit vorweihnachtlicher
Gelassenheit im Schneematsch wild hupend um die Parkplätze gekämpft wird. Das zaubert
doch unwillkürlich ein Lächeln auf die Lippen. Und überhaupt … ist Ihnen auch aufgefallen,
wie freundlich die Atmosphäre auf den Straßen in der Vorweihnachtszeit immer wieder ist?
Mal von der blanken Mordlust einiger Zeitgenossen abgesehen?
Aber sei es drum, in dem Moment, in dem das Essen am heiligen Abend auf dem Tisch steht,
sind all die Mühen und der Stress vergessen. Es sei denn, man ist der Gastgeber. Oder
der/diejenige, der/die an diesem Abend einzige Gelegenheit hat, bei versammelter Familie
endlich mal ein paar brisante Themen auf den Tisch zu bringen, die sich bei solchen
Zusammenkünften einfach wunderbar ausdiskutieren lassen. Was dazu führt, dass die
festliche Stimmung zwei Stunden nach Eintreffen der Gäste bereits eisigem Schweigen und
Grüppchen- oder Rudelbildung weicht.

Und doch, und doch, zwischen Magendrücken und Weihnachtsoratorium, zwischen
Entsorgung von Geschenken, die keiner haben will und dem Umtausch des Pullovers von
Tante Waltraud, die vergessen hat, dass man seit über drei Jahrzehnten nicht mehr zwölf
Jahre alt ist … ja, da bleibt immer ein wenig Zeit, in sich zu gehen. Über sich selbst, die
Familie, das Leben an sich und die wirtschaftliche Lage nachzudenken. Der Weg zu
Letzterem ist nicht weit, von Stressfest zu Stresstest, dem „Wort des Jahres 2011“. Die
Banken haben sich derlei unterziehen müssen, die Staatsfinanzen manchen Landes ebenso.
Und die Politiker unterziehen sich dieser Prozedur momentan in Form eines Langzeittests.

Meister Draghi von der EZB hat seine Weihnachtsansprache seit Montag bereits hinter sich.
Ernste Sorgen vor einer Verschärfung der gesamtwirtschaftlichen Lage wurden verkündet.
Zudem die Warnung vor zu viel Hoffnung hinsichtlich des Geldregens für die Banken bzgl.
steigender Kurse am Anleihemarkt (die Banken entscheiden selbst, wie sie das von der
Notenbank kommende Geld einsetzten … Nachtigall, ick hör dir trapsen). Und die felsenfeste
Überzeugung, dass der Euro uns allen erhalten bleiben wird. Was bei vorstehenden
Warnungen und Sorgen irgendwie andeutet, dass die Perspektiven der Notenbank den
Charme eines rotierenden Wegweiser zu haben scheinen.

Aber ich weiß nicht recht, macht man sich da in dieser stillen Zeit nicht zuviel Stress bei
Notenbankers? War da nicht gerade der „große Wurf“, der uns alle wieder in die Spur bringt?
Gut, die Kapitalmärkte reagierten ein wenig unwirsch. Aber übertreibt man da nicht ein
wenig? „Macht hoch die Tür, das Tor macht weit“, wenn ich das mal einwerfen darf. Wenn
unsere Politiker schon nicht imstande sind, uns für die Steuergelder wenigstens weiße
Weihnachten (bitte ohne Rutschgefahr und nicht zu kalt, vielen Dank) zu bescheren, dann
könnte es doch wenigstens Milliarden schneien. Und Geld heilt angeblich alle Wunden. Steht
zumindest so in Dr. Bernankes Erste-Hilfe-Broschüre. Sicher, man hört, dass man momentan
ein wenig Probleme damit hat, Sponsoren zu finden. Die Nicht-Euro-Länder sind ein wenig
zögerlich, die Chinesen irgendwie auch … aber meine Güte, dann drücken wir doch einfach
noch mal selbst auf den „Fiat Money“-Knopf, der für Notenbankchefs exklusiv auf der
Computertastatur mitgeliefert wird. Das wird schon …

… und wer weiß, vielleicht findet der Bundespräsident an Weihnachten bei seiner Ansprache
zwischen den Erklärungen, warum er mit wem wann wo auf wessen Kosten war, einen
Moment Zeit, uns mit dergleichen monetärer Zuversicht zu beglücken. Nun wird zwar das
leise Rieseln der Milliarden an uns Wahlvolk vorbeischneien. Aber es wäre zu kurzsichtig,
ungerecht gar, jetzt mit persönlichen Befindlichkeiten und Ansprüchen daher zu kommen.
Das virtuelle Geld kommt schon da an, wo es hin soll. Und wie heißt es so schön: „Ist der
Banker gesund, freut sich der Mensch.“ Na also, sehen Sie.

Das Jahr 2012 wird alles, aber nicht langweilig. Trotzdem. Wir haben alle unsere Stresstests
hinter uns und sind somit gewappnet. Wer das Weihnachtschaos übersteht, überlebt auch
eine Rezession. Und sollte es eng werden mit den Nerven: Scheibe einschlagen und laut
„Bailout“ rufen. Man wird sich dann zügig um Sie kümmern.

Frohe Weihnachten wünscht

Ihr Ronald Gehrt
(www.system22.de)

Frohes Stressfest
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2 Kommentare

  1. Sehr schön geschriebener und so besinnlicher Text 😉

    Zum Thema Geldmacht habe ich gestern eine schöne Darstellung in dem Film Thrive gefunden, wie die privatorganisierte FED das Instrument Zinshöhe gezielt dazu nutzen kann, durch erzeugte Krisen dafür zu sorgen, dass anschließend billig und durch Privatisierung an lukrative Firmen und Ressourcen heranzukommen ist. Wie immer hilft die Frage: „Wem nützt es?“

    Ein schönes Weihnachten und auf ein sehr spannendes Jahr 2012, und lassen Sie uns die Krisen feiern, denn sie macht bewusst!

    Martin Bartonitz

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