Günter Grass und der Zionismus

Günter Grass hat ein politisches Gedicht geschrieben. An und für sich ist das nichts weltbewegendes. Er hat gegen Umweltverbrechen geschrieben, über Wirtschaftsthemen, soziale Fragen, Politik. Und immer wieder sicherte sich der Literaturnobelpreisträger den Applaus der veröffentlichten Meinung und des Establishments. Nur diesmal war es anders. Denn die „Prosa“ des Künstlers kritisiert die israelische Regierung, welcher er Kriegstreiberei vorwirft.

Wie ein Tsunami flutete die Ablehnungswelle aus dem Gelobten Land heran, im Nu waren im Land der Dichter und Denker sämtliche politischen und medialen Dämme gebrochen. Der Effekt war so flächendeckend, dass der Altmeister aus Lübeck von einer „Gleichschaltung der Meinung“ sprach, und sich damit gleich neuerliche Unbill einhandelte: Schon wieder ein besetzter Begriff aus der Naziterminologie! Von der Grassens Opus im übrigen nur so wimmele. Was nicht verwundern dürfe, schließlich habe der Mann ja gegen Ende des letzten Weltkrieges bei Himmlers Waffen-SS gedient, freiwillig zudem. Rasch war das Fass zum „Menschen“ Grass aufgemacht, zu seinem Lebenslauf, seinen Ansichten. Auch zu den Leistungen auf literarischem Gebiet, die mit einem Mal rückwirkend in Frage gestellt schienen: Der israelische Innenminister forderte die Aberkennung des Nobelpreises, Tel Aviv verhängte ein Einreiseverbot, prominente Lobbyvertreter rund um die Deutsch-Israelische Gesellschaft beteiligten sich am fröhlichen Halali. Um noch rasch ein paar „Likes“ mitzunehmen stiegen zu guter Letzt auch noch Vertreter der Politik bis hinauf zur Regierungsspitze in das Bashing ein.

Räumt man diese ganze Trümmerlandschaft einmal beiseite und blickt auf das Fundament, auf das Grundlegende, das dieses Dauerbombardement auslöste, stellt sich die Frage: Was hat sich der Angegriffene eigentlich zu Schulden kommen lassen? Was ist falsch an dem, was er vorbrachte? Günter Grass hat darauf hingewiesen, dass im Mittleren Osten die Gefahr eines Dritten Weltkriegs heranwächst, weil Israel einen Angriffskrieg gegen den Iran befürwortet und aktiv plant. Diese Aussage ist formal völlig richtig. Die Agenda Tel Avivs ist durch etliche Aussagen israelischer Establishmentvertreter so diagnostizierbar wie ein Heuschnupfen oder ein simpler Beinbruch. Irans Besitz von Atombomben ist es dagegen nicht, nicht einmal, dass Teheran einen Plan zu ihrem Erwerb hat. Grass kritisiert dieses Missverhältnis korrekt. Auch sein Hinweis, dass das auf bloße Befürchtungen – „die Mullahs könnten vielleicht doch eines Tages“ – aufbauende diplomatische und wirtschaftliche Kesseltreiben gegen den Iran ohne Grundlage ist. Und er hat wieder recht, wenn er anmerkt, dass Israel es war, welches sich ohne Erlaubnis ein ganzes Arsenal von Atomwaffen zugelegt hat. Ohne Prüfung durch Atombehörden, ohne Protest der Weltgemeinschaft, ohne politische Konsequenzen.

Noch einmal für die Langsamen: Staat A hat seit Menschengedenken keinen Angriffskrieg mehr geführt. Und er hat auch keine Atomwaffen. Es ist nicht einmal sicher, ob er überhaupt welche bauen WILL. Aber er unterliegt einem Boykott. Staat B hat seinen letzten Angriffskrieg gegen den Libanon erst vor sechs Jahren begonnen. Begründung: Zwei (!) seiner Soldaten waren von dem Nachbarland gefangengenommen worden. Staat B ist gespickt mit Nuklearwaffen, verbittet sich Inspektionen und – Entschuldigung – scheißt auf die Weltmeinung. Die es im übrigen, Wunder über Wunder, in diesem besonderen Fall gar nicht gibt.

Das Problem, an dem sich Grass stellvertretend für alle halbwegs intelligenten und friedliebenden Menschen „hochzieht“, ist nicht die Isolierung des Iran, sondern die Kriegsplanung gegen dieses Land, die durch die Lieferung modernster deutscher Rüstungsgüter wie atomwaffenfähiger U-Boote ausgerechnet jetzt zusätzlich angeschoben wird. Es ist ein Konflikt, der sich in schnellster Zeit zum Flächenbrand ausweiten kann. Führende Vertreter Russlands und Chinas haben bereits signalisiert, dass sie im Fall eines „heißen“ Schlagabtauschs unter Einschluss der USA nicht untätig zusehen würden. Weder politisch, noch militärisch. Was im letzteren Fall nichts anderes als der Beginn eines Weltkrieges wäre. Und selbst wenn es nicht soweit käme, selbst wenn Israel seinen Waffengang allein austragen würde, sind die Folgen unübersehbar: Eine weitere Radikalisierung der Arabischen Staatengemeinschaft, eine – es geht schließlich um das Bombardieren(!) von Atomkraftwerken(!) – weitflächige nukleare Verseuchung des Iran. Und, last but not least, eine drohenden Vernichtung Israels, denn Teheran wird zweifelsohne sein gesammeltes biologisches und chemisches Waffenarsenal mit Kusshand auf seinen Gegner abladen. Warum will Israel sich und anderen das antun?

Jüdischer Antisemitismus übersehen

Nehmen wir uns in diesem Zusammenhang einen kurzen Augenblick Zeit für eine herausfordernde Frage: Ist, wer das Judentum ohne Not in Gefahr bringt und es mit Vernichtung bedroht, nicht selbst ein Anti-Semit? Muss man erst darüber hinaus Juden als Menschenmuster ablehnen, um unter diese widerwärtige Kategorie gerechnet zu werden? Ist der Vollzug einer jüdischen Katastrophe von innen nicht weit schlimmer als der gedacht-intellektuelle aber nicht ausgeführte Hass von außen? Ebendiese Frage sollte sich die israelische Regierung gegenwärtig stellen. Und muss sich diese gefallen lassen, gerade von Gutmenschen wie Günter Grass, der in seiner Nachkriegsvergangenheit mehr als zur Genüge unter Beweis gestellt hat, dass er fernab jeder Form von Rassismus steht.

Tatsächlich ist die Weste des Zionismus, die Grass (und, in tonaler Konsequenz viel weitergehend auch Achmadinedschad) gern aus dem Kleiderschrank holt, bei näheren Hinsehen alles andere als sauber. Immer wieder hat die jüdische Nationalstaatsbewegung in der Vergangenheit den faktischen Antisemitismus unterstützt bzw. befeuert, um im trüben Süppchen des Völkerhasses ihre utopistische Agenda voranzubringen. Die hochkomplizierte Ausgangslage des Anliegens, für Menschen der erste Welt einen Staat in der dritten zu bauen, erklärt diese nur auf den ersten Blick unerklärliche Kollaboration von Juden mit den erklärtesten Gegnern des Judentums recht einleuchtend: Als die ersten Zionisten Ausgangs des 19.Jahrhunderts die ersten Versuche starteten, „ihre“ Schäfchen in das damals noch osmanische Palästinagebiet zu locken, war die Reaktion des „Fußvolks“ nationenübergreifend die gleiche. Kein französischer, kein deutscher, kein italienischer, kein englischer Mosejünger ließ sich einfangen, seine neu gefundene Heimat mit der Ungewissheit einer israelischen Alijah zu vertauschen. Niemand wollte sich im wahrsten Sinne des Wortes „in die Wüste schicken“ lassen. Erst die Bedrückungen der neuzeitlichen Antisemitismusbewegung, die unmittelbar –und international(!) – nach dieser ersten Anwerbungswelle entstand, führte dazu, dass Juden in größerer Anzahl begannen, ihre Koffer zu packen.

Für diese völlig schlüssige aber weithin unbekannte Symbiose liegt eine Unmenge zionistischer Selbstzeugnisse vor. So ließ sich unter dem Namen Sharan ein Schriftleiter der israelische Zeitung „Davar“ (das offizielle Organ von Ben Gurions linksgerichteter Regierungspartei Mapai) am 11. Juli 1952 freizügig darüber aus, auf welche Weise die Einwanderungsbereitschaft der außerhalb Israels lebenden Juden gehoben werden könne.
„Ich schäme mich nicht“, schreibt dieser Nationale Sozialist, „zu bekennen, dass – hätte ich soviel Macht wie ich Willen habe – ich eine Gruppe tüchtiger junger Männer zusammenstellen würde, intelligent, anständig, auf unsere Ideale eingeschworen und von dem brennenden Wunsch beseelt, das jüdische Volk wieder aufzurichten, und ich würde sie in die Länder entsenden, in denen die Juden in sündhafter Selbstzufriedenheit leben. Die Aufgabe dieser jungen Männer wäre, sich als Nichtjuden auszugeben und diese selbstzufriedenen Juden zu beunruhigen mit antisemitischen Parolen wie „Saujude“, ´Juden nach Palästina´ und ähnlichen Freundlichkeiten. Ich kann wetten, dass das Resultat eine verstärkte Auswanderung aus diesen Ländern nach Israel wäre. Der Erfolg wäre 10.000 Mal größer als der 1000sender Emissäre, die jahraus jahrein in diesen Ländern tauben Ohren predigen.“ (Aus dem Buch des US-jüdischen Journalisten und State Department-Angestellten Dr. Alfred M. Lilienthal in The Other Side of the Coin, New York, 1965)

Dieses machiavellistische Kalkül begleitete den Zionismus seit Beginn seines Bestehens: Selbst eine pragmatische und auf Ausgleich bedachte Persönlichkeit wie Theodor Herzl, der organisatorische Gründer der israelitischen Nationalstaatsbewegung, fand Interesse darin, den Judenhass zu steigern, um die Sache des politischen Zionismus voranzubringen. In seinen „Tagebüchern“ steht zu lesen: Es ist notwendig, daß die Bedrücknisse der Juden …. wachsen … das wird seinen Beitrag zur Umsetzung unserer Pläne leisten. … Ich habe eine ausgezeichnete Idee … Ich werde Antisemiten dazu überreden, jüdischen Wohlstand zu beseitigen … Die Antisemiten werden uns somit helfen, indem sie die Verfolgung und Unterdrückung von Juden verstärken. Die Antisemiten werden unsere besten Freunde sein. … So wird der Antisemitismus, welcher eine tief verwurzelte Kraft im Unterbewusstsein der Massen darstellt, dem Juden nicht von Schaden sein. Ich finde ihn im Gegenteil als von Vorteil zur Ausbildung des jüdischen Charakters, eine Art Unterricht durch die Massen… Dieses Erziehungsprogramm kann nur durch Leid wirken, und die Juden werden sich dem anpassen.

Diese „Geistesblüten“ fanden immer ihren Niederschlag in der aktiven Politik des Zionismus und reichten bis in die Zeit des Nationalsozialismus hinein. Prof. Israel Shahak, ehemaliger Häftling des KZ Bergen-Belsen und Vorsitzender der israelischen Liga für Menschen- und Bürgerrechte, schreibt: „Das vielleicht schockierendste Beispiel dieser Art ist die Freude, mit der einige zionistische Führer in Deutschland Hitlers Aufstieg zur Macht begrüßten, weil sie seinen Glauben an das Primat der ´Rasse´ und seine Gegnerschaft zur Assimilierung von Juden unter ´Ariern´ teilten.

Sie beglückwünschten Hitler zu seinem Triumph über den gemeinsamen Feind – die Kräfte des Liberalismus. Dr. Joachim Prinz, ein zionistischer Rabbiner, der hernach in die USA emigrierte, wo er zum Vizepräsidenten des Jüdischen Weltkongresses aufstieg und zu einer führenden Leuchte in der Zionistischen Weltorganisation wurde (ebenso zu einem großen Freund Golda Meirs), veröffentlichte 1934 ein besonderes Buch mit dem Titel ´Wir Juden´, um Hitlers sogenannte ´deutsche Revolution´ und die Niederlage des Liberalismus zu feiern: ´Was die deutsche Revolution für die deutsche Nation bedeutet, wird letztlich nur demjenigen offenbar, der sie selbst getragen und gestaltet hat. Was sie für uns bedeutet, muss hier gesagt werden: Die Chance des Liberalismus ist verspielt. Die einzige politische Lebensform, die die Assimilation des Judentums zu fördern gewillt war, ist untergegangen…´

Der Sieg des Nationalsozialismus ließ die Assimilation und Mischehen als Option für Juden nicht mehr zu und führte schließlich zur bloßen Ausgrenzung. ´Wir sind darüber nicht unglücklich´, sagte Dr. Prinz. In der Tatsache, dass Juden gezwungen werden, sich selbst als Juden zu identifizieren, sieht er ´die Erfüllung unserer Wünsche´. Und weiter:

´… Wir wünschen an die Stelle der Assimilation das Neue zu setzen: das Bekenntnis zur jüdischen Nation und zur jüdischen Rasse. Ein Staat, der aufgebaut ist auf dem Prinzip der Reinheit der Nation und Rasse, kann nur vor dem Juden Achtung und Respekt haben, der sich zur eigenen Art bekennt. Nirgendwo kann er in diesem Bekenntnis mangelnde Loyalität dem Staate gegenüber erblicken. Er kann keine anderen Juden wollen als die Juden des klaren Bekenntnisses zum eigenen Volk. Er kann keine liebedienerischen, kriecherischen Juden wollen. Er muss von uns das Bekenntnis zur eigenen Art fordern. Denn nur jemand, der eigene Art und eigenes Blut achtet, wird den Respekt vor dem nationalen Wollen anderer Nationen haben können.´

In der Zeit nach 1933 kam es konsequenterweise zu einer reichen Kollaboration zwischen der Naziregierung und deutschen Zionisten, welche als einzige Vertreter des Judentums weiter arbeiten durften. Die Grundlage der Zusammenarbeit war simpel: Beide Parteien wollten das Judentum aus Zentraleuropa wegführen. Die Zionisten boten dafür Palästina an.

In den alliierten Staaten betrieb der Zionismus hingegen eine Interventionspolitik gegen Deutschland, was die Situation der Juden ebenfalls nicht leichter machte. Auch hier liegt der Verdacht des Vorsatzes nicht weit. Als sich der europäische Konflikt durch die Kriegsteilnahme Amerikas und Russlands zum Weltbrand auszuweiten drohte und der physische Holocaust des Judentums in Sichtweise geriet – eine beklemmend aktuelle Situation, vor der Grass warnt – suchte das Jewish Rescue Committee in der Tschechoslowakei ihre Glaubensgeschwister auf dem Alten Kontinent in Sicherheit zu bringen. Die schriftliche Reaktion des Bevollmächtigten der (zionistischen) Jewish Agency in der Schweiz darauf lautete:

„Wir schreiben Ihnen, um Sie an eine bedeutsame Tatsache zu erinnern, die Sie nie aus den Augen verlieren dürfen: dass letzten Endes die Alliierten den Krieg gewinnen werden. Nach ihrem Sieg werden die territorialen Grenzen wie schon nach dem Ersten Weltkrieg neu gezogen werden. Dann wird der Weg für unser Ziel frei sein. Zu dieser Zeit, da sich der Krieg dem Ende entgegenneigt, müssen wir alles in unserer Macht befindliche tun, um Eretz Yisroel (den verheißenen Staat Israel) in Medinat Yisrael (den realen Staat Israel) zu verwandeln, und es sind bereits viele Schritte in diese Richtung genommen worden. Daher müssen wir uns gegenüber den Bitten und Rufen, die aus Osteuropa an unser Ohr dringen, taub stellen.

Vergessen Sie eines nicht: alle Alliierten haben große Verluste hinnehmen müssen, und wenn wir nicht selbst ein großes menschliches Opfer darbieten, wie können wir dann das Recht haben mit am Konferenztisch zu sitzen, wenn die Grenzen neu gezogen werden?

Dementsprechend betrachten wir es als töricht und schamlos, Unterhandlungen zu führen, die den Handel Geld/Sachwerte gegen jüdisches Leben zum Gegenstand haben. (Solch ein Tauschgeschäft war von SS-Chef Heinrich Himmler angeboten worden, Red.DG) Wie können wir es wagen die Alliierten Mächte darum anzugehen, Geld gegen Leben einzutauschen, während diese jeden Tag schwere Verluste hinnehmen müssen? Also, insoweit es um die Volksmassen geht: RAK B’DAM TIHJE LAKU HAAREZ, (Das verheißene Land Israel wird nur uns gehören, wenn wir Blut liefern). Soweit es jedoch unseren engeren Kreis anbelangt, ATEM TAJLU (Ihr entkommt). Der Bote, der Ihnen dieses Schreiben aushändigt, wird Sie zu diesem Zweck mit entsprechenden Geldmitteln versorgen.“ (Rabbi Michael Weissmandl, Dekan der Talmud-Hochschule Nitra Yeshiva in New York, Sefer Min Hametzar)

Dieses erschütternde Schreiben – das keineswegs für sich allein steht – zeigt die letzte Konsequenz einer blutigen „Realpolitik“. Sie fußt auf Erfahrungen, welche der Zionismus nach Ende des Ersten Weltkriegs vergegenwärtigte: 1916 hatte die zionistische Führung um Chaim Weizmann mit der britischen Regierung ein geheimes Agreement ausgehandelt, demzufolge die nationaljüdische Lobby helfen sollte, die Vereinigten Staaten auf alliierter Seite in den Krieg zu führen – im Gegenzug würde England für seinen Verhandlungspartner Palästina erobern. Tatsächlich trat Amerika in den Krieg gegen Deutschland ein, tatsächlich besetzten britische Streitkräfte das damals noch unter osmanischer Herrschaft befindliche Gelobte Land. Nach dem Krieg aber wollte London sich nicht mehr an sein Versprechen erinnern, und schloss die zionistischen Führer von der Versailler Friedenskonferenz aus. Die Begründung lautete: „Wir haben im Krieg geblutet, Eure Leute dagegen nicht. Nur (Volks)Verlust erhebt Anrecht auf (Land)Gewinn.“

Heute befinden wir uns im Mittleren Osten am Vorabend eines weiteren Großkrieges, der Israel in seinen Grundfesten bedroht. Wieder erscheint die Politik des Zionismus gegenüber dem jüdischen Fußvolk hochgefährlich, nur dass es diesmal die eigenen Leute betrifft. Vor 70 Jahren war es gelungen, über den Trümmern des europäischen Judentums den Staat Israel zu errichten. Die selbstmörderische Politik Tel Avivs wirft die Frage auf, ob es hier Kräfte gibt, die nun über den Trümmern Israels einen weiteren, höheren, „Gewinn“ verbuchen wollen. Wenn dieses Kalkül besteht, dann muss der Zionismus neu bewertet werden und kann nicht länger als bloße Nationalbewegung – als Organisationsform, der es allein um das Gedeihen und Erstarken des eigenen Staatswesens zu tun ist – gesehen werden.

Der religiöse Zionismus- Der unerkannte Kriegsmotor

In der Tat ist der Zionismus nicht allein ein weltlich-säkulares Phänomen. Die Zeitgeschichtsforschung lehrt, dass der Gedanke des jüdischen Nationalstaats mit „aufgeklärten“ Figuren wie Theodor Herzl seinen Anfang nahm. Sie blendet dabei aus, dass die ersten Zionisten, die sogenannten „Herolde der Bewegung“, Rabbiner waren. Diese Persönlichkeiten waren keine gewöhnlichen, keine mainstreamigen Gottesmänner, sondern sie entstammten überwiegend einer skurilen Randsekte des Judentums, dem Chassidismus. Die ins bis ins 17. Jahrhundert zurückreichende Bewegung verbindet herkömmlich-bekanntes Judentum mit spekulativem Endzeitglauben. Wie die Zeugen Jehovas orientieren sich diese – lediglich formaljüdischen – Mystiker stark an der biblischen Prophetie.

Der Unterschied zu ihrem „christlichen“ Pendant liegt darin, dass ein gehöriger Teil des Chassidismus nicht tatenlos auf den Gang der politischen Ereignisse blickt, sondern diese selbst zu manipulieren trachtet. In ihrem Glaubensgebäude ist es nicht allein „dem Himmel“ gegeben, das Schicksal der Welt zu formen. Vielmehr fühlen sie sich selbst beauftragt, die Entwicklungsgänge auf Erden mit den Vorhersagen der Bibel in Einklang zu bringen. Als fleischgewordener „Messias ben Joseph“ haben sie „den Schlussteil der Tage“ analog der heiligen Schriften auszusteuern, auf dass schließlich, quasi am Höhepunkt der Aufführung, der endliche, wahre Erlöser als „Messias ben David“ vom Himmel gelassen wird. Dieses religiöse Rollenspiel klingt ebenso verrückt, wie es real ist: Praktisch alle wichtigen jüdischen und/oder israelischen Religionsgelehrten, von Gershom Sholem bis Aviezer Ravitzky haben eingehend darüber geschrieben.

Die politische Konsequenz aus diesem Denken – und auch Handeln – war zu allen Tagen blutig. In Israel wird das zunehmend offen diskutiert. Ein mittelschweres Erdbeben löste der linke Haaretz-Journalist Seffi Rachlevsky mit seinem Buch „Der Esel des Messias“ aus. „Rachlevsky“, schreibt Joseph Croitoru in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, „verweist auf einen für das traditionelle Judentum typischen Verdrängungsmechanismus, der sich wie ein roter Faden durch die jüdische Geschichte zieht: Das durch periodisch wiederkehrende messianische Bewegungen heraufbeschworene Unheil wurde immer wieder verdrängt, und die destruktive Rolle, die manche Rabbiner dabei spielten, wurde verschwiegen. (Die Messianisten fühlen sich bestärkt) in ihrem Glauben, die Zukunft des jüdischen Volkes gehöre allein ihnen. Und diese ist für sie vor allem mit der herannahenden messianischen Endzeit verbunden, an deren Beginn nach kabbalistischer Auffassung das Volk Israel sich von der Herrschaft des „unreinen Mischvolks“ befreien wird, jenen satanischen Kräften, die auch als ungläubige Juden in Erscheinung treten können und die von den Gottesfürchtigen entweder bekehrt oder eben vernichtet werden müssen.“

In diesem Sinne beklatschte einer der wichtigsten Chassidim-Exponenten Zvi Jehudah Kook, Sohn des ersten israelischen Chefrabbis, sogar den Holocaust als „himmlische Chirurgie“. Als ein „tiefes, verstecktes, göttliches Heilverfahren, das darauf abzielt, uns von der Unreinheit des Exils zu befreien.“ So wie beide Weltkriege sei „auch der Holocaust eine Erschütterung, die Vernichtung einer verfaulten Kultur (jener des Exils) im Dienst der nationalen Wiedergeburt und der Erfüllung der Vision des geoffenbarten Endes.“ (Aviezer Ravitzky, Messianism, Zionism And Jewish Religious Radicalism)

In diesem Sinne „riskieren“, um bei einem sehr vorsichtigen Terminus zu bleiben, die Sektierer heute einen zweiten Holocaust in Israel. Da der kabbalistische Doomsdaykult sein Hauptquartier in Amerika hat, wäre er von dieser Blutwäsche zahlenmäßig kaum betroffen, Anhänger in Israel können nach dem Motto des Kriegszionismus ATEM TAJLU (Ihr entkommt) gerettet werden.

Dass die überwiegende Mehrzahl der Medien das Treiben dieses gefährlichen Endzeitnetzwerks übersieht, mag in der Befürchtung begründet liegen, hier zu nah an die Begrifflichkeit der „Weisen von Zion“ zu gelangen; ein Feindbildpopanz der Nazizeit, welches auf den gefälschten „Protokollen der Weisen von Zion“ gründet. Demgegenüber ist jedoch das Bestehen des aktivistischen Chassidismus erschreckend real, er bekennt sich zu seinem Ziel und Wirken, seine Einflussnahmen sind geschichtlich real und überprüfprüfbar: Allein die Machinationen „politischer Bankhäuser“ wie jene des Hauses Rothschild (deren Urstammvater Chasside war) sind durch zahllose Historiker belegt, ihre Einflussnahmen und die ihres amerikanischen Finanzablegers Kuhn, Loeb & Co reichen direkt in den ersten Weltkrieg, in den britisch-zionistischen Israelpakt, in die Finanzierung der Kommunistischen „Revolution“ in Russland und nicht zuletzt in die Nazikollaborationspolitik rund um das Ha´Avara-Abkommen.

Keine isolierte Sekte sondern StrippenzieherHeute sind die Rabbis der Politsekte „Chabad-Lubawitsch“ als stärkster Zweig der Fullfill-Prophecy Clique Dauergast im Weißen Haus und auf diplomatischen Parketten rund um den Globus gerngesehene Gäste. Ihr Lobbymanagement ist perfekt. Es fusst auf ihrer Macht in Israel und über die jüdischen Gemeinden ausserhalb des Gelobten Landes.

Die „Jerusalem Post“ sieht in dieser nur wenige hunderttausend Köpfe zählenden Gruppe „eine starke Macht“, „eine Bewegung von monumentaler Bedeutung“. „Chabad ist“, fährt Israels wichtigste Tageszeitung fort, „eine Organisation, die weltweit über immense Geldmittel verfügt (alleine das Budget für Rußland beträgt 20 Millionen im Jahr). Seine Rabbiner beherrschen jüdische Gemeinden in einer überraschend hohen Zahl von Ländern.“

Der Kult wird vom deutschen Nachrichtenmagazin FOCUS 100 Millionen Dollar schwer geschätzt. Und das ist lediglich das jährliche(!) Budget dieser Gruppe. Das gleiche Blatt nannte ihren letzten Führer Rabbi Schneerson, „den heimlichen Regenten Israels… Kein jüdischer Staatsmann, gleich ob Mitglied des Likud oder der Arbeiterpartei kam bei einer USA-Reise um eine Privataudienz herum“. Chabad-Pressesekretär Moishe Krinsky brüstet sich öffentlich: „Der Rebbe war an jedem Prozess in Israel beteiligt.“

Aber auch nichtisraelische Ereignisse tragen den Stempel des Messianisten. Die Bushkriege gegen den Irak etwa wurden von Schneerson zeitlich korrekt „vorausgesagt“, und die Anhänger des Rebben nehmen Ausbruch und Verlauf der Feindseligkeiten als eigenen „Erfolg“ in Beschlag, im Dienste biblischer Prophetie. In der Tat kann eine Regie durch chassidische Sympathisanten wie über Vizeverteidigungsminister Paul Wolfowitz und den einflussreichen US-Senators Joseph Lieberman kaum von der Hand gewiesen werden.

Heute lassen sich die entschiedendsten Befürworter für einen Irankriegseinsatz wie Staatschef Benjamin Netanjahu und Außenminister Avigdor Lieberman von sektiererischen Apokalyptikern briefen, deren Einfluss tief in den militärischen Apparat Israels hineinreicht. Es sind die geschichtlich fast bruchlosen Fäden einer fundamentalistischen Nebenregierung, welche die „einzige stabile Demokratie im Nahen Osten“ de facto in einen verdeckten Gottesstaat verwandeln. Eine Theokratie, die durch ihre starke internationale Außenwirkung und die kriegerische Zukunftsgewandtheit weit gefährlicher anmutet, als die rückwärtsgerichtete Mullahherrschaft im Iran.

Sicher ist: Der geplante Krieg, gegen den Günter Grass – Gott sei dank – sein Wort erhoben hat, kann und soll der Agenda der Messias-Stellvertreter zufolge das biblische Armageddon zur Folge habe und die Welt mit einer neuen „heilsamen“ Feuersbrunst überziehen. So schreibt Rabbi Elieser Waldmann, einer der Führungskadres der in Israel einflussreichen Endzeitgruppen „Gush Emunim“ und „Tempelberg-Getreuen“, daß die verstorbene Kabbala-Ikone Kook einen heiligen Krieg als einziges Mittel zur Geburtslegung des Messias eingefordert habe. „Auf der einen Seite“, so Waldmann, „wird der Krieg durch Vernichtung und Tod begleitet, auf der anderen stärkt er die Macht des Messias… Leider ist es nach wie vor unmöglich, den Abschluss der Erfüllung durch irgend ein anderes Mittel als Krieg zu erreichen.“ (Jeffrey Steinberg, Temple Mount Fanatics Foment A New Thirty Years´War) Israel wird das erste Opfer dieses Endzeitfeldzugs sein.

Seine Einwohner beginnen die heraufziehende Gefahr zu spüre. Die Sorge und die Diskussion reicht bis in die akademische Elite: Nathan Zach, Prof. em. an der Universität von Haifa und einer der bekanntesten Poeten der israelischen Geschichte warnt offen vor einer geplanten Zerstörung seines Landes durch jüdische Messias-Netzwerke. Professor Michael Har-Segor, Historiker an der Universität von Tel Aviv schließt sich dem ebenso an wie Professor Nimrod Aloni, der – ebenfalls in Tel Aviv – den UNESCO Lehrstuhl für humanistische Erziehung leitet. Eindrucksvoll schreibt die palästinensische TV-Kommentatorin und Dokumentarfilmerin Kawther Salam:

„Das letzte Mal, als ich mich während einer Zusammenarbeit im Haus meiner Freundin Anat Even [Regisseurin und Film-Produzentin, W.E.] in Tel Aviv aufhielt, kaufte sie ein neues Schloss für ihren Hauseingang. Sie war verängstigt und sprach über einen neuen Holocaust, der vorbereitet werde. Sie sagte, Israel sei kein sicheres Land für Juden, dass nach ihrer Ansicht die Ränke der Regierung darauf hinausliefen, die Juden für einen neuen Holocaust zu präparieren, und dass es wichtig sei, einen sicheren Platz zum Leben zu finden. Sie sprach in tiefster Sorge, so als ob ein neuer Holocaust unmittelbar bevorstünde. Anat berichtete mir, dass viele Juden genau das gleiche Gefühl hätten.“

Es ist hohe Zeit, dass die Welt dieser Gefahr ein Ende bereitet. Ohne um die obigen Zusammenhänge zu wissen, hat Günter Grass dem Land daher einen guten Dienst erwiesen. Man sollte ihm Respekt dafür zollen.

Quelle: http://www.doriangrey.net

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