Hedgefonds spekulieren auf griechischen Staatsbankrott

Von Ulrich Rippert, 8. März 2012

Am heutigen Donnerstag läuft die Frist ab, in der private Investoren Griechenlands darüber entscheiden, in welchem Umfang sie sich an einem Schuldenerlass beteiligen. Der Verband der internationalen Finanzwirtschaft (IIF), der den so genannten Haircut mit der griechischen Regierung ausgehandelt hat, warnt vor katastrophalen Konsequenzen für den Fall, dass der Schuldenschnitt nicht zustande kommt.
IIF-Präsident Chares Dallara erklärte am Dienstag, eine unkontrollierte Pleite Griechenlands werde über eine Billion Euro kosten, weil die Panik dann auf Spanien und Italien übergreife. Unter der Überschrift „Angst vor der Billionenpleite“ berichtet das Handelsblatt am Mittwoch, dass einige Banken bereits „den Euro-Zerfall durchspielen“.

Der amerikanische Hedgefonds Greylock weigerte sich als erster, einem Schuldenerlass für Griechenland zuzustimmen. Ihm folgten weitere private Großanleger. Die Unsicherheit darüber, ob der freiwillige Schuldenerlass der privaten Griechenland-Gläubiger zustande kommt oder nicht, trieb am Dienstag die Aktienkurse stark nach unten. Der DAX sackte zeitweise um drei Prozent ab.

Der freiwillige Schuldenerlass der Privatgläubiger ist Teil der Vereinbarung, die die Finanzminister der Eurozone Ende Februar getroffen hatten. Ihre Bewilligung des zweiten Finanzpakets für Griechenland in Höhe von mehr als 130 Milliarden Euro war an zwei Bedingungen geknüpft: Erstens brutale Sozialkürzungen und zweitens einen Schuldenschnitt der privaten Gläubiger in Höhe von 53,5 Prozent.

Während die Sozialkürzungen gegen den wachsenden Widerstand der Bevölkerung von Regierung und Parlament in Athen beschlossen wurden, stellen sich nun private Gläubiger quer und stellen neue Bedingungen. Dabei wurde den Banken und Investmentfonds der so genannte „freiwillige Schuldenerlass“ bereits mehrfach vergoldet. Alleine im jüngsten „Rettungspaket“ ist vorgesehen, dass 93 Milliarden Euro auf die Konten der Banken fließen, damit diese Griechenland 107 Milliarden Euro auf den Nominalwert seiner Staatsanleihen erlassen. Wobei die Banken den Großteil dieser Staatsanleihen bereits abgeschrieben haben.

Alle Milliardenprogramme, die bisher unter der Parole: „Griechenland-Rettung“ geschnürt wurden, waren von den Banken diktiert und führten dazu, dass die finanzielle und politische Macht der internationalen Finanzaristokratie ständig stärker wurde. So kommt es, dass nun die reaktionärsten Profitinteressen einiger privater Großanleger das Schicksal Griechenlands und anderer Euroländer bestimmen.

Unter der Überschrift „Hedgefonds gefährden Schuldenerlass“ skizziert die Süddeutsche Zeitung diese kriminellen Machenschaften. „Hedgefonds mit schnittigen Namen wie Marathon, Saba oder Vega sollen ein Viertel aller griechischen Anleihen in privater Hand halten“, schreibt das Blatt und macht darauf aufmerksam, dass dann, wenn sich mehrere Hedgefonds wie Greylock verhalten, die Annahmequote unter den Gläubigern schnell unter 90 Prozent sinken werde.

Damit wäre die freiwillige Lösung gescheitert, und die griechische Regierung müsste Zwangsmaßnahmen anwenden, um die privaten Gläubiger zum Schuldenschnitt zu zwingen. „Daraus folgt eine Gefahr“, schreibt die Süddeutsche. Denn dann würden die Ratingagenturen griechische Anleihen auf „Zahlungsausfall“ herunterstufen und damit ein unabsehbares Risiko für die Anleihen anderer Schuldenstaaten wie Spanien oder Italien auslösen.

Die Kreditausfallversicherungen (CDS – Credit Default Swaps) würden fällig, mit denen sich Investoren gegen den Ausfall griechischer Anleihen abgesichert haben. Vieles deutet darauf hin, dass dies genau der Grund ist, warum sich Hedgefonds verweigern. Sie wollen die zweieinhalb Milliarden Euro Versicherungssumme kassieren. Das könnte eine Kettenreaktion auslösen, und das nicht nur, weil die Zinsen für Staatsanleihen in Spanien und Italien in die Höhe schnellen würden.

Kreditausfallversicherungen sind außerbörsliche, so genannte „Over-the-Counter“ (OTC) Geschäfte und tauchen nicht in den Bankbilanzen auf. Der Markt ist völlig unübersichtlich, weil keine Bank freiwillig bekannt gibt, wie viele solche CDS-Papiere in ihren Tresoren schlummern. Schätzungen über den Umfang des internationalen CDS-Markts bewegen sich zwischen sechzig und sechshundert Billionen Dollar.

CDS können nicht nur zwischen den Beteiligten, also Käufer und Verkäufer, abgeschlossen werden, sondern auch mit Dritten. Das heißt: Eine dritte Instanz kann „auf ein Ereignis wetten“. Im Fall griechischer Staatsanleihen kann also ein Hedgefonds auf den Staatsbankrott wetten, indem er eine Kreditausfallversicherung abschließt und einfach nur abwartet, beziehungsweise auf den Staatsbankrott hinarbeitet.

Für die Herausgeber von CDS sind Kreditausfallgeschäfte so lange profitabel, wie das „Kreditereignis“ nicht eintritt. Sollte es dann doch eintreten, sind die Konsequenzen horrend. Aus dem Grund wurde damals die Hypo Real Estate gerettet: Denn die CDS hätten sie – und mit ihr andere – in den Abgrund gerissen. Ähnlich war es bei dem US-Versicherungskonzern American International Group (AIG).

Die größten CDS-Herausgeber weltweit sind die führenden US-Banken. Sollte Griechenland gezwungen sein, den Staatsbankrott zu erklären, und sollte damit das „Kreditereignis“ eintreten, könnten höhere Summen als beim Lehman-Bankrott und der AIG-Rettung fällig werden.

Deshalb bemühen sich amerikanische Finanzagenturen wie der Internationale Derivate-Verband ISDA in New York, die Situation zu beruhigen, und warnen vor Panik. Der von Griechenland geplante Schuldenschnitt sei kein „Kreditereignis“, teilte ein ISDA-Sprecher Anfang der Woche mit und betonte, Kreditausfallversicherungen (CDS) auf griechische Staatsanleihen würden nicht fällig werden.

Statt die Lage zu beruhigen, verstärkte diese Meldung noch die Unsicherheit an den internationalen Finanzmärkten.

Quelle: http://www.wsws.org/

Hedgefonds spekulieren auf griechischen Staatsbankrott
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1 Kommentar

  1. Jede politische Ideologie hat ihre gedachten Feindbilder, so auch die „World Socialist Web Site“, die sich hier wieder einmal über den „bösen Liberalismus“ beschwert. Und keine sinnfreie politische Ideologie kann die „Finanzkrise“ auch nur ansatzweise verstehen oder gar beenden.

    Hat überhaupt jemand „Schuld“ an der gegenwärtigen Situation? Nein. Denn alle heute „Verantwortlichen“, deren gesamte Gedanken- und Vorstellungswelt, sofern es um das menschliche Zusammenleben im weitesten Sinne geht, sich aufgrund einer bis heute bestehenden Programmierung des kollektiv Unbewussten voll und ganz auf das zivilisatorische Mittelalter (Zinsgeld-Ökonomie) beschränkt, können aus ihrer jeweiligen „gesellschaftlichen Position“ heraus gar nicht wissen, was sie tun. Noch viel weniger können sie auch nur erahnen, was konkret unternommen werden muss, um die Marktwirtschaft vom parasitären Gegenprinzip des Privatkapitalismus zu befreien und damit die uralte Soziale Frage zu lösen:

    http://opium-des-volkes.blogspot.com/2011/07/die-ruckkehr-ins-paradies.html

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