Papiergeld ist periodisch zum Crashen verdammt (III)

Briefe eines Bankdirektors an seinen Sohn

DRITTER BRIEF

Berlin, 5. Januar 1921

Einen Satz, mein lieber James, kannst Du Dir gar nicht fest genug in Deinen Verstand hämmern. Der Satz, der die Quintessenz meines vorigen Briefes ausmacht, lautet: „Geld ist die Verkörperung eines Güteranspruchs, der dadurch entstanden ist, dass jemand etwas geleistet, die Gegenleistung aber noch nicht erhalten hat.“ Oder kürzer: „Geld verkörpert den aus einer Leistung entstandenen Anspruch auf gleichwertige Gegenleistung.“ Dieser Satz ist das A und O der ganzen Geldlehre. Aus ihm ergibt sich alles, was über das Geld zu sagen ist, eigentlich von selbst. Würden nur alle Völker sich diesen harmlosen Satz einprägen und niemals gegen seinen Sinn verstoßen, so würde es in der ganzen Welt kein Geldelend und keine Valutafrage geben.

Sobald der Anspruch auf Gegenleistung, den jeder marktmäßige Güteraustausch zur Folge hat, durch das Geld gesichert wird, geht mit ihm eine äußerliche Veränderung vor sich. Du erkennst das sofort, wenn Du Dir einen konkreten Fall vorstellst. Denke Dir einen Arbeiter, der für 200 Mark Arbeit geleistet, das heißt, sich einen Anspruch auf Güter im Werte von 200 Mark erworben hat. Er hat diesen Anspruch bis zum Zahltage ausschließlich gegen seine Arbeitgeber. (Bis zum Zahltage gewährt jeder Arbeiter seinem Arbeitgeber Kredit.) In dem Moment aber, wo dieser dem Arbeiter die 200 Mark auszahlt, fällt der Anspruch gegen ihn selbst fort. Die Beiden sind „Quitt“ . Dadurch ist aber nicht etwa auch der Anspruch an sich erloschen, vielmehr bleibt derselbe, im Gelde verkörpert, in der unveränderten Höhe von 200 Mark bestehen. Nur richtet sich der Anspruch jetzt nicht mehr gegen einen Einzelnen, den Arbeitgeber, sondern gegen die Gesamtheit, den Markt. Der Arbeiter kann die ihm für seine Arbeit zugesicherte Gegenleistung nunmehr einkassieren, wo und in welcher Form er will. Er kann sich beim Schuster ein Paar Stiefel, beim Kaufmann Lebensmittel und Zigarren, beim Gastwirt Bier kaufen. Erst wenn er das getan und seine 200 Mark ausgegeben hat, ist sein Güteranspruch erloschen. Dann erst ist der Zweck des Tausches erfüllt, den der Arbeiter mit seinem Arbeitgeber vorgenommen hat: er hat für seine Arbeitsleistung Stiefel, Lebensmittel, Zigarren und Bier eingetauscht. Der Empfang des Geldes war nur eine Zwischenstufe, die notwendig war, weil der Arbeitgeber die Waren, die der Arbeiter zu erhalten wünschte, nicht selbst hatte, weil es mithin einer Garantie bedurfte, dass der Arbeiter die durch seine Hände Arbeit verdienten Waren auch wirklich irgendwo erhielt.

Halte das recht fest, mein Sohn: Solange jemand für eine Leistung keinerlei Gegenwert, auch nicht in der Interimsform von Geld erhalten hat, besitzt er lediglich einen Anspruch an eine bestimmte Person, nämlich eine Forderung an den Empfänger seiner Leistung. Unser Arbeiter beispielsweise hat zunächst eine Forderung in Höhe von 200 Mark einzig und allein an seinen Arbeitgeber. Sobald aber derselbe Jemand Geld für seine Leistung erhalten hat, besitzt er eine Forderung an die Allgemeinheit.

Unser Arbeiter hat jetzt einen Anspruch an den Markt, der ihm Stiefel, Lebensmittel, Bier, oder was der Arbeiter sich sonst aussuchen mag, bis zum Werte von 200 Mark liefern muss. Im ersteren Fall, d.h. solange der Leistende noch einen Anspruch an eine einzelne Person oder ein Guthaben bei dieser Person hat, nennt der Sprachgebrauch das Verhältnis zwischen den beiden Parteien ein Kreditverhältnis. Im zweiten Fall, wenn also der Leistende Geld erhalten hat, spricht man, obwohl sich in der Sache selbst eigentlich nichts geändert hat, nicht mehr von Kredit, sondern von Kaufkraft. Man sagt, der Geldempfänger könne am Markt eine so große Kaufkraft ausüben, wie in dem empfangenen Geldbetrag ausgedrückt ist. Streng genommen besteht aber auch jetzt noch ein Kreditverhältnis. Der Geldempfänger hat nach wie vor seine Forderung, nur dass er diese Forderung nicht mehr gegen eine einzelne Person, sondern gegen die Gesamtheit hat, die den „Markt“ ausmacht.

Wir sind jetzt so weit, lieber James, dass wir wissen, was das Geld seinem Wesen nach darstellt, und welches seine wichtigste Funktion ist. Um es kurz zu rekapitulieren: Das Geld stellt ein attestiertes Recht zum Bezuge von Gegenleistungen dar, denen entsprechende Leistungen vorangegangen sind, und seine Hauptfunktion besteht darin, diese Gegenleistungen von dem Einen auf den Andern zu übertragen. Aber damit sind wir noch immer sehr weit vom Ziel. Wir stehen noch vor einer ganzen Reihe ungelöster Fragen. Und zwar drängen sich uns vor allem drei Fragen auf. Erstens: Wie viel Geld, wie viel Kaufkraft muss in einem Lande existieren? Zweitens: Wie viel Marktware erhält man für das einzelne Geldzeichen, das heißt, welchen Wert hat das Geld? Und drittens: Wie entsteht das Geld? Im Grunde beantworten alle diese Fragen sich von selbst, sobald man im Gelde nur das sieht, was es ist, nämlich ein Bezugsrecht, und immer daran denkt, dass sich in ihm eine aufgeschobene Gegenleistung verkörpert. Da aber die menschliche Logik gern Seitensprünge macht, und jedes Abweichen vom geraden Wege hier unfehlbar zum Irrtum führt, so muss ich Dir beim Auffinden der eigentlich selbstverständlichen Antworten ein wenig helfen.

Also erstens: Wie viel Geld muss in einem Lande umlaufen? Hierüber sind bei den Volkswirten die merkwürdigsten Ansichten verbreitet. Die meisten von ihnen glauben, dass die Geldmenge in einem ganz bestimmten Verhältnis zur Güterproduktion stehen müsse, und dass daher mit zunehmender Produktion auch mehr Geld in Umlauf zu setzen sei; geschehe das nicht, so entstehe „Geldmangel“.

Diese Auffassung, wie überhaupt jede Auffassung, die im Gelde einen planmäßig zu vermehrenden oder zu vermindernden Artikel sieht, ist grundfalsch. Sie ist genauso unsinnig, wie es etwa die Ansicht sein würde, man brauche nur die Eintragungen in die Grundbuchblätter und Häuser-Kataster im Lande zu vermehren, um die Wohnungsnot zu beseitigen. Man ist wohl imstande, greifbare Gegenstände, also Häuser und Wohnungen zu vermehren oder zu vermindern. Aber man kann kein abstraktes Recht verdoppeln oder halbieren. Und das Geld ist nichts anderes als ein attestiertes Recht. Es ist – man kann das gar nicht oft genug wiederholen – das Recht auf eine Gegenleistung, das sich jemand dadurch erwirbt, dass er seine eigene Leistung hingibt. Für den Arbeiter, der seine Arbeitsleistung zum vereinbarten Preise von 200 Mark hingegeben hat, bedeutet das Geld, das er dafür empfängt, nichts anderes als das Recht, sich den vereinbarten Gegenwert durch Einkaufen von Stiefeln, Lebensmitteln, Bier usw. zu beschaffen. Seine 200 Mark entsprechen genau der Gütermenge, auf die er sich durch seine Arbeit ein Anrecht erworben hat. Mit jedem Einkauf, den er macht, verringert sich sein Geldbestand, d.h. sein Anrecht auf Güter. Denn in der Höhe seines Einkaufs erhält er für seine Arbeitsleistung die entsprechende definitive Gegenleistung, wofür er natürlich die provisorische Gegenleistung, nämlich das im Geld verkörperte Recht zum Güterbezug, hergeben muss; genau wie Du im Theater Deine Garderobenmarke, Dein Recht zur Abhebung eines Mantels und eines Huts, in dem Moment einbüßest, wo Du die Sachen in Empfang nimmst.

Jeder Mensch, der einen Tauschakt vorgenommen, den Gegenwert, auf den er es abgesehen hat, aber noch nicht erhalten hat, besitzt Geld, das heißt ein beglaubigtes Recht zur Erhebung des Gegenwerts in natura. Und jedes Geldzeichen, das im Lande existiert, bedeutet, dass irgendjemand einen Gegenwert, auf den er einen Anspruch besitzt, noch nicht in Empfang genommen hat. Daher kann es eigentlich nie „zu viel“ und nie „zu wenig“ Geld geben. Es läuft immer genau so viel Geld in einem Lande um, wie Tauschakte zwar vorgenommen, aber nicht vollständig erledigt, sondern sozusagen noch in der Schwebe geblieben sind. Denn das Geld ist ja gerade die Bescheinigung, dass ein Tauschakt erst zur Hälfte durchgeführt worden ist, weil der zum Empfang der Gegenleistung Berechtigte diese noch nicht in Händen hat; es ist zugleich das Rechtsdokument, das seinen Inhaber zum Bezuge der Gegenleistung legitimiert. Da somit die Geldmenge im Lande immer genau so groß sein muss, wie die Summe aller noch nicht in Anspruch genommenen Gegenleistungen, so vermag ich beim besten Willen nicht einzusehen, wie man die Geldmenge von Staats wegen vergrößern oder verkleinern kann. Jedes willkürlich neugeschaffene Geldzeichen bedeutet ja einen Rechtstitel zum Bezuge einer Gegenleistung, obwohl niemals eine Leistung stattgefunden hat, die sie rechtfertigt. Es bescheinigt einen in der Schwebe gelassenen Tauschakt, der in Wirklichkeit gar nicht vorgenommen worden ist, und ist daher gewissermaßen eine Fälschung. Umgekehrt bedeutet jede willkürliche Verringerung des Geldumlaufs, jede Vernichtung von Geldzeichen, eine Annullierung von wohlerworbenen Rechten auf Gegenleistung und somit einen Gewaltakt.

Ich möchte fast mit Dir wetten, lieber James, dass ich den Einwurf kenne, den Du hier machen willst. „Wenn der Staat neues Geld schafft, so ermöglicht er dadurch eine große Zahl neuer Tauschakte. Tausende, die vorher nicht kaufen konnten, können es jetzt. Es entsteht eine Nachfrage am Markt, welche die Erzeuger zwingt, mehr Güter herzustellen, welche also die nationale Produktion hebt. Der vermehrten Geldmenge steht alsdann eine vermehrte Gütermenge gegenüber, so dass der im neuen Geld verkörperte Anspruch vollauf befriedigt werden kann.“ Habe ich Recht? Ist das nicht Dein Gedankengang? Wenn nicht, so ist es doch die landläufige Argumentation, und da sie außerordentlich bestechend klingt, werde ich mich wohl oder übel mit ihr auseinandersetzen müssen.

Machen wir uns die Sache einmal an einem praktischen Beispiel klar: Ein Staat, in dem eine Million Geldzeichen zirkuliert, gibt aus irgendwelchen Gründen eine weitere Million aus. Er stellt also Anrechtsscheine aus, die genau wie die bereits umlaufenden Geldzeichen zum Bezuge von Gütern berechtigen. Frage: zum Bezuge welcher Güter? Antwort: zum Bezuge aller Gattungen; es steht völlig im Belieben der Empfänger des neuen Geldes, welche Güter sie auf dem Markt damit kaufen wollen.

Wir stehen also vor der Tatsache, dass ein bestimmtes Quantum von Marktgütern, das bis dahin noch keine Veränderung erfahren hat, plötzlich einer doppelt so großen Nachfrage gegenübersteht, weil die alten und die neuen Geldzeichen das in ihnen verkörperte Bezugsrecht geltend machen. Es entsteht gewissermaßen eine Konkurrenz um die Güter. Das muss natürlich seine Folgen haben. Es ist eine alte, noch niemals bestrittene Erfahrungstatsache, dass bei doppelter Nachfrage und gleichbleibendem Angebot die Preise der Waren steigen. Die Verdoppelung der Geldzeichen führt also dazu, dass die Marktgüter teurer werden. Wie groß der Preisaufschlag ist, das bildet eine wissenschaftliche Streitfrage. Wir wollen der Einfachheit halber annehmen, dass die verdoppelte Nachfrage zu einem verdoppelten Preis führt. Das Resultat der Geldvermehrung ist mithin, dass jeder Inhaber alten Geldes bei seinen Einkäufen das Doppelte bezahlen muss wie früher.

Hier höre ich wieder einen Zwischenruf: „Das stimmt nicht! Die neue Nachfrage reizt durch die steigenden Preise ja die ganze Produktion zu erhöhter Tätigkeit. Infolgedessen erscheinen sehr bald neue Gütermengen am Markt, die der verstärkten Nachfrage ein verstärktes Angebot gegenüberstellen und die steigenden Preise wieder herunterdrücken.“ Der Zwischenruf ist nicht ganz unberechtigt. Es kann in der Tat diese Wirkung eintreten, nämlich dann, wenn die Fabrikanten und ihre Arbeiter sich durch die Preissteigerung zu einer verstärkten Arbeitsleistung anregen lassen. Aber diese Wirkung muss nicht eintreten.

Vergegenwärtige Dir, dass die steigenden Preise zu wesentlich erhöhten Gewinnen führen, dass die reichlicheren Gewinne höhere Löhne zur Folge haben, und dass so in der ganzen Produktion eine Leichtigkeit des Verdienens entsteht, die sehr oft nicht zu vermehrter Arbeit, sondern zum Gegenteil, zu einer gewissen Bequemlichkeit und Trägheit reizt. In solchen Zeiten liegt oft der Ruf nach dem Sieben- oder Sechsstundentag in der Luft. Es kann also sehr leicht ein Rückgang statt einer Steigerung der Gütererzeugung eintreten. Aber selbst wenn die Produktion wirklich steigt und das Angebot wächst, ist das doch immer nur die allmählich und zögernd wirkende Folge der sofort und ungestüm auftretenden Preissteigerung. Das erste und sichere Moment ist immer die Teuerung; die Verbilligung ist eine spätere und sehr fragliche Eventualität, die überdies im besten Fall die Teuerung etwas mildert, sie aber niemals ganz verhindert. Wir müssen uns also schon mit der Tatsache abfinden, dass die Geldvermehrung die Preise steigert, und die einzige Konzession, die ich Dir allenfalls machen kann, ist die, dass wir die Steigerung als nicht ganz so stürmisch voraussetzen, wie ich es oben getan habe. Nehmen wir also in Gottes Namen an, dass eine 100 prozentige Geldvermehrung eine nur 50 prozentige Preissteigerung zur Folge hat.

Was heißt es aber, lieber James, wenn alle Inhaber alten Geldes bei jedem Einkauf 50 Prozent mehr bezahlen müssen als früher? Was heißt es, wenn, um bei unserem Beispiel zu bleiben, der Arbeiter für seine 200 Mark nicht mehr wie früher Stiefel, Lebensmittel, Zigarren und Bier erhält, sondern etwa nur noch Lebensmittel und Zigarren, so dass er auf Stiefel und Bier verzichten muss? Das heißt nichts anderes, als dass man ihm durch die Geldvermehrung einen Teil der Gegenleistung, die er sich mit seiner Arbeit verdient hat, gewaltsam genommen, dass man ihn bis zu einem gewissen Grade enteignet hat. Natürlich wird er versuchen, sich schadlos zu halten, indem er seinen Arbeitstarif erhöht und nunmehr 300 Mark Lohn verlangt, das heißt Anspruch auf so viel Bezugsrechte erhebt, wie nötig sind, um dieselben Gütermengen wie früher beziehen zu können. Nur selten aber gelingt ihm dies in vollem Maße. Und wenn es ihm gelingt, so geschieht es auf Kosten anderer Bevölkerungsklassen, etwa der Beamten, der Staatspensionäre, der Rentner. Denn die Tatsache ist nicht aus der Welt zu schaffen, dass die 1 Million neuer Geldzeichen, die der Staat geschaffen hat, auf Gütermengen Beschlag legen, in die sich bis dahin die Million alter Geldzeichen geteilt hat. Irgendwelche Volksklassen müssen da notwendigerweise die Kosten tragen und es sich gefallen lassen, dass ihr wohlerworbener Anspruch auf Gegenleistung um ein Drittel oder mehr zusammenschrumpft.

Das soll und darf aber nicht sein, mein Sohn! Das Geld ist ein Recht und soll kein Unrecht werden. Darum darf der Staat sich niemals die Freiheit herausnehmen, Geld nach Willkür schaffen oder vernichten zu wollen, denn er schafft oder vernichtet damit wohlerworbene Ansprüche auf Güter. Es ist ein eigen Ding um die Allmacht des Staats auf dem Gebiet des Geldwesens. Es ist eine Allmacht, die der Ohnmacht so ähnlich sieht, wie ein Ei dem anderen. Wenn Du nämlich dem, was ich eben ausgeführt habe, tiefer auf den Grund gehst, so wirst Du eine höchst merkwürdige Entdeckung machen, und es tut mir nur leid, dass ich Dein erstauntes Gesicht nicht sehen kann, wenn Du sie machst. Oder ist es keine überraschende Entdeckung, dass der Staat gar kein Geld schaffen kann, auch wenn er sich noch so große Mühe gibt? Es ist aber in der Tat so. Alles, was der Staat vermag, erschöpft sich darin, mechanisch neue Geldzeichen herzustellen. Aber diese Geldzeichen erfüllen nicht den Zweck, den das Geld hat; sie stellen dem Volke keine neuen Bezugsrechte auf Güter zur Verfügung, sie machen das Volk nicht um ein Jota kaufkräftiger, sondern sie übertragen nur längstbestehende Bezugsrechte, längst vorhandene Kaufkraft von ihren rechtmäßigen Eigentümern auf andere Leute. Sie schöpfen von dem Recht zum Güterbezug, das der Volksgemeinschaft gehört und ihr im alten Gelde verbrieft ist, einen bestimmten Teil ab und verleihen diesen Teil den Inhabern der neu ausgegebenen Geldzeichen. Indem der Staat solche Geldzeichen herstellt, gibt er dem Einen nur, was er dem Andern nimmt. Irgendetwas Neues vermag er auf diesem Wege nicht entstehen zu lassen.

Auf eine knappe Formel gebracht: Der Staat schafft, indem er Geldzeichen ausgibt, kein neues Geld, sondern er besteuert den einen Teil der Bevölkerung zu Gunsten des anderen. So liegen die Dinge, lieber James. Es ist nur eine Augentäuschung, wenn Du angesichts der Berge von Zettelgeld, in denen wir zu ersticken drohen, glaubst, das Deutsche Reich habe in den letzten Jahren mit Hilfe der Reichsbank 70 Milliarden Mark neues Geld geschaffen. Freilich, die Zettel sind da, daran ist nicht zu zweifeln. Aber sie sind kein neues Geld. Die Kaufkraft, die ihnen innewohnt, ist noch nicht einmal so groß wie die Kaufkraft der vier oder fünf Milliarden Mark Münzen und Noten, die 1914 in Deutschland umgelaufen sind. Und selbst das bisschen Kaufkraft, das sie wirklich repräsentieren, rührt nicht etwa vom Staate her, ist ihnen nicht durch die schöpferische Kraft der Regierung neu eingeblasen worden, sondern ist dieselbe Kaufkraft, die früher in den vier oder fünf Milliarden alten Geldes steckte und von Rechts wegen den Inhabern dieser wenigen Milliarden gehört.

Dass man den weitaus größten Teil der Kaufkraft von dem alten Gelde zwangsweise auf neue Produkte der Notenpresse übertragen und diesen künstlich einen Wert verliehen hat, kann man nur euphemistisch als „Geldpolitik“ bezeichnen. Richtiger ausgedrückt ist es ein brutaler Akt von Enteignung. Und das einzige, was der Staat dem Gelde gegenüber vermag. Er kann Geld, das heißt Güterbezugsrechte, immer nur enteignen, niemals neu schaffen.

Dass der Staat nicht imstande ist, Geld zu schaffen , wenn er es für nötig hält, schadet aber absolut nichts. Denn Geld ist ja kein Selbstzweck, sondern nur ein Mittel zum Zweck der Verkehrserleichterung, und es ist in jedem Lande, in dem der Staat keine Torheiten macht, immer genau so viel Geld vorhanden, wie für diesen Zweck nötig ist. Das Geldwesen regelt sich automatisch, und der Staat hat weiter nichts zu tun, als den Geldautomaten technisch in Ordnung zu halten. Für schöpferische Betätigung ist hier kein Platz, und es ist ein verhängnisvoller In turn, wenn zahlreiche Volkswirte glauben, das Geld sei ein Geschöpf der staatlichen Rechtsordnung.

Wessen Geschöpf das Geld nun aber in Wirklichkeit ist? Hab einige Tage Geduld, mein Sohn, und Du wirst es wissen. Für heute weigert sich meine Feder, ihren Dienst weiter zu verrichten.

In Liebe Dein sehr ermüdeter Papa.

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