Papiergeld ist periodisch zum Crashen verdammt (IX)

Briefe eines Bankdirektors an seinen Sohn

NEUNTER BRIEF

Berlin, 20. Januar 1921

Wir haben uns daran gewöhnt, lieber James, den Geldmarkt als etwas Selbstverständliches anzusehen. Er gilt uns als der unentbehrliche Treffpunkt, an dem diejenigen, die im Besitz zeitweilig entbehrlichen Geldes sind, Leute suchen und finden, die für dieses Geld Verwendung haben und einen Zins dafür bezahlen. Auf seinen eigentlichen wirtschaftlichen Sinn reduziert heißt das: Der Geldmarkt scheint uns deshalb unentbehrlich, weil Jeder, der ein Bezugsrecht auf Güter besitzt, das Bezugsrecht aber noch nicht ausüben will, hier Gelegenheit hat, es Dritten gegen eine Leihgebühr abzutreten. Hier gibt es Leute, die Verwendung für produktive Güter wie Werkstätten, Maschinen und Fabrikate oder für Arbeit und Rohstoffe haben, aus denen Werkstätten, Maschinen und Fabrikate hergestellt werden, und die ihm dafür, dass er ihnen den Bezug dieser Dinge mit seinem Gelde ermöglicht, gern einen Anteil an ihrem Produktionsgewinn in Gestalt eines Zinses einräumen. Was sollte wohl, so argumentieren wir, Derjenige anfangen, der viele Güterbezugsrechte besitzt (viel Geld hat), sie aber selbst nicht zu verwenden vermag, wenn es keinen Geldmarkt gäbe, an dem er die Rechte ausleihen kann, und keinen Kapitalmarkt, an dem sich die Rechte verkaufen lassen? (Der Unterschied zwischen Geldmarkt und Kapitalmarkt wird in der Regel nicht beachtet. Er besteht darin, dass am Geldmarkt Gelder, d.h. Güterbezugsrechte auf Zeit ausgeliehen werden, während am Kapitalmarkt dieselben Gelder, dieselben Güterbezugsrechte, definitiv abgetreten, gegen sogenannte Anlagewerte ausgetauscht, also verkauft werden).

Trotzdem ist der Geldmarkt an sich entbehrlich. In einem Lande, wo die sozialen Verhältnisse der Bevölkerung einigermaßen gleichmäßig sind, wird ein Geldmarkt nicht gebraucht, und wenn er dennoch existiert, so spielt er hier keine große Rolle. Wozu bedarf es eines Geldmarkts z. B. in einem Agrarlande, in dem fast jeder Einwohner sein Stück Land hat, das ihn heute ernährt, und das in dreißig Jahren seine Kinder nähren wird? Er tauscht seine Produkte in Geld, d.h. in Güterbezugsrechte, ein und bezieht dann dafür die Waren, die er braucht. Nimmt er viel Geld ein, so kauft er viel Waren, andernfalls kauft er wenig. Er hat keinen Grund, einen Teil der im Gelde verkörperten Bezugsrechte nicht auszuüben, auf den Kauf von Waren systematisch zu verzichten und das Geld zu „sparen“ . Das kann anders werden, wenn sich im Lauf der Zeit so viel Grundbesitz in einer Hand vereinigt, dass de
Besitzer mehr Geld einnimmt, als er, ohne zu verschwenden, für Waren ausgeben will oder kann. Aber dann findet er ohne weiteres einen Nachbarn, der ihm das Geld abnimmt und verzinst. Er besitzt nunmehr ein Kapital, dargestellt in einer Forderung an den Nachbarn, also etwa in einer Hypothek. Es ist nicht nötig, dass in einem solchen Lande der Leihgeldverkehr, der Austausch von Güterbezugsrechten, marktmäßig organisiert wird.

Auch in einem industriell fortgeschrittenen Lande kann es Brauch sein, dass jeder Gewerbetreibende das Recht zum Bezuge von Gütern, welches er mit seinen Produkten erwirbt, selbst ausübt, dass er also für sein Geld Verbrauchsgüter kauft und etwaige Überschüsse, die seinen Bedarf übersteigen, zur Erweiterung seines Betriebs verwendet, oder seinen Kindern damit eine Existenz schafft, indem er ihnen Betriebe einrichtet. Ein Ende hat es mit dieser patriarchalischen Verwendung der im Gelde dargestellten Bezugsrechte erst dann, wenn eine sehr große Ungleichheit des Besitzes die Regel geworden ist. In Ländern wo die Bevölkerung in „Two nations“ zerfällt, nämlich in eine reiche Oberschicht, die den größten Teil des Bodens und aller Betriebsmittel besitzt, und ein entwurzeltes Proletariat, das nichts oder wenig hat außer der Arbeit seiner Hände, in solchen Ländern hört die Verwendung des Geldes durch den Eigentümer selbst notwendig auf.

Der Proletarier, der keinen Rückhalt an eigenem Besitz hat, und der stets befürchten muss, bei eintretendem Alter oder verminderter Arbeitsfähigkeit ohne Verdienst und ohne Existenzmittel dazustehen, der auch seinen Angehörigen keine Einkommensquelle hinterlässt, muss wohl oder übel einen Teil seines Einkommens unverbraucht lassen. Für ihn heißt es: „Spare in der Zeit, so hast Du in der Not!“ Er muss Bezugsrechte auf Güter für sein Alter und seine Familie reservieren, wenn er nicht sehr leichtfertig handeln will. Tut er es nicht selbst, so muss es der Staat im Wege der Sozialgesetzgebung für ihn tun.
Beides läuft auf dasselbe hinaus. Es werden Güterbezugsrechte dem sofortigen Verbrauch durch ihre Eigentümer entzogen, für spätere Jahrzehnte aufgesammelt und bis zum Eintritt des Zeitpunkts ihrer Verwendung an Dritte ausgeliehen. Dabei handelt es sich um ganz gewaltige Summen, die in der Statistik der staatlichen Versicherungsanstalten, der Sparkassen, der kleinen Lebensversicherung usw. zum Ausdruck kommen. Ihre Bewegung erfordert eine Organisation, und diese Organisation ist der Geldmarkt.

Eine ganz ähnliche Veränderung tritt bei der entgegen gesetzten Bevölkerungsschicht, bei den Großkapitalisten, ein. Die Ursachen sind hier aber zum Teil anderer Art. Allerdings besteht auch in diesen Kreisen, die auf der Sonnenseite des Lebens stehen, das Bestreben, sich Reserven für die Zukunft zu schaffen; denn in einem auf Industrie und Großkapitalismus eingestellten Land wechseln die Konjunkturen schnell, und ein Sturz in die Tiefe liegt für den Einzelnen durchaus im Bereich der Möglichkeit. In der Hauptsache aber ist der Verzicht auf sofortige und selbständige Geltendmachung der Güterbezugsrechte ganz einfach darauf zurückzuführen, dass sich in einer und derselben Hand viel mehr solcher Rechte ansammeln, als vernünftigerweise ausgenutzt werden können, viel mehr Geld, als selbst bei luxuriösen Lebensgewohnheiten für den Tagesbedarf ausgegeben werden kann. Das Geld in den eigenen Betrieb zu stecken, wie es der Landwirt gern tut, widerstrebt aber dem modernen Kapitalisten. Er setzt nicht gern alles „auf eine Karte“ und arbeitet, wenn er sein Unternehmen sehr stark ausdehnt, lieber mit fremdem Gelde als mit dem seinigen. Auch der Kapitalist, und er ganz besonders, braucht also einen Markt, an dem er sich seiner überschüssigen Güterbezugsrechte auf kürzere oder längere Zeit entledigen kann.

So sehen wir, dass der Geldmarkt ganz und gar kein Naturprodukt, keine wirtschaftliche Elementar -Erscheinung ist, sondern dass er nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen zu einem Bedürfnis wird. Heute ist das allerdings in allen Kulturländern der Fall, weil sie in den letzten Jahrzehnten eine ausgesprochen großkapitalistische Entwicklung durchgemacht haben. Das Geld muss heute einen besonderen Markt haben, weil auf der einen Seite ein immer größerer Überschuss Verwendung sucht, auf der andern Seite das Bedürfnis nach einer Reserve für die Zukunft immer dringender wird; beide Momente bewirken, dass die „dritte Hand“ bei der Geldverwendung nicht mehr entbehrt werden kann.

Tatsächlich hat jedes Land nicht nur einen Geldmarkt, sondern daneben noch zahlreiche kleine Märkte, von denen jeder einen Zu- und Abfluss zum großen Zentralmarkt hat. Die kleinen Märkte sind die Banken. Bei ihnen sammeln sich die Gelder der „Two nations“ , in erster Linie fließen ihnen die Überschutzgelder der kapitalistischen Kreise zu. Ihre Aufgabe ist es, die dritte Hand zu suchen, welche die in den Geldern verkörperten Güterbezugsrechte so zweckmäßig ausnutzt, dass über den Zins. hinaus, der dem Eigentümer zu vergüten ist, ein hoher Überschuss für die Volksgemeinschaft erzielt wird. Von ihren Kreditprinzipien hängt es ab, welche Verwendung die Produktivgüter finden, und nach welcher Richtung hin sie die Wirtschaft des Landes entwickeln. Denn gleichviel, ob die Banken die dritte Hand selbst finden, welche die Güter verwalten und zu ertragreichem Kapital um wandeln soll, oder ob sie sich dabei der Mitwirkung des großen Zentralmarktes bedienen, immer ist die Auswahl unter den Verwaltungsberechtigten ihnen überlassen. Das macht die ungeheure Verantwortung der Banken und zugleich ihre Machtstellung aus, die sie oft zu einem Staat im Staate werden lässt.

Da die Banken vermittels ihrer Kredithoheit der wirtschaftlichen Entwicklung die Wege vorzeichnen, so hätten sie es eigentlich in der Hand, die bedenkliche Tendenz zu mildern, welche die Bevölkerung in zwei feindliche soziale Lager spaltet und dadurch den Bestand des Staats gefährdet. Sie hätten es in der Hand, die ihnen zur Verteilung überlassenen Güterbezugsrechte in solche Kreise zu leiten, die nicht an der Verstärkung des Proletariats mitwirken. Sie könnten den gewerblichen Mittelstand und das Handwerk fördern und dadurch dem rasenden Wachstum des Großkapitals Grenzen setzen. Leider verfahren die Banken aber in den meisten Ländern nicht so, sondern gerade entgegengesetzt. Sie führen die unverwendeten Überschüsse des Kapitals wiederum dem Kapital zu und verstärken so die geldkonzentrierende Tendenz, die zwar den Geldmarkt immer unentbehrlicher und mächtiger macht, die Wurzeln des Staats aber allmählich vollkommen untergräbt.

Zum Teil wirken hierbei egoistische Gründe mit. Aber um gerecht zu sein, eine erhebliche Mitschuld trifft dabei den Staat und seine Gesetzgebung. Da die Banken anvertrautes Gut verwalten und nicht nur aus privatrechtlichen Gründen, sondern auch infolge ihrer öffentlichen Stellung, als Herren der wirtschaftlichen Entwicklung im Lande, verantwortlich für die Intaktheit der ihnen überlassenen Gelder sind, so müssen sie ihr Hauptaugenmerk auf das Moment der Sicherheit legen. Als der geeignetste Verwalter der Gelder erscheint ihnen daher immer derjenige, der die größte Gewähr für pünktliche Rückerstattung bietet, und das ist naturgemäß der Großkapitalist. Der kleine Mann bietet eine solche Gewähr nicht, seitdem die Staatsgesetze, im Streben nach Humanität, den unzuverlässigen Schuldner in weitgehendem Maße vor der Verfolgung durch den Gläubiger schützen. Als es noch den Schuldturm gab, war der Handwerker und Kleingewerbler ein verhältnismäßig sicherer Debitor, dem Kredit ohne weiteres zur Verfügung stand. Die drohende Gefängnisstrafe machte ihn vorsichtig und zu einem verlässlichen Verwalter fremden Geldes. Heute droht ihm der Schuldturm nicht mehr, aber er selbst trägt den Schaden, denn er ist nun nicht mehr kreditwürdig. Es verhält sich mit diesem sozialen Akt der Gesetzgebung wie mit so vielen anderen: Er erschlägt diejenigen, die er schützen will, und ist daher in Wirklichkeit im höchsten Grade unsozial.

Das darf man nicht ganz außer Acht lassen, wenn man den Banken den Vorwurf macht, sie trieben großkapitalistische Kreditpolitik und handelten nach dem Prinzip: „Wer da hat, dem wird gegeben.“ Eins aber ist sicher: Auf dem jetzigen Wege der Überfütterung des Kapitals, sozusagen der kapitalistischen Inzucht, darf es nicht mehr lange weitergehen, wenn es nicht zum „Zusammenbruch des Abendlandes“ von innen heraus kommen soll.

Und noch in einem anderen Punkte haben die Banken umzulernen; das ist die Zinspolitik. Der Zins ist jener hochwichtige Faktor im Wirtschaftsleben, der darüber entscheidet, ob die im Gelde verkörperten Güterbezugsrechte jeweils in produktivem oder in konsumtivem Sinne ausgeübt werden müssen. Der Zins ist das Zünglein an der Waage des wirtschaftlichen Gleichgewichts und zeigt genau an, ob die Schale der Produktion oder die des Konsums entlastet werden muss. Wird dieser Index missbraucht, wird ihm zum Trotz die Produktion mit Hilfe der bei den Banken zentralisierten Gelder weiter gesteigert, obwohl ihre Schale sich längst gesenkt hat, so bricht eine Wirtschaftskrisis aus, die bei richtiger Politik vermieden werden könnte. Das wirkliche Verständnis für die Symptome der Konjunkturen wird in den Bankbüros heute noch allzu sehr durch Schematismus und Routine ersetzt.
Während der nächsten Tage muß ich mich der Bilanz meiner Bank widmen, lieber James. Wundere Dich also nicht, wenn zwischen diesem Brief und dem nächsten etwas mehr als die gewohnte Zeit vergeht.

Herzlichst Dein Papa

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