Papiergeld ist periodisch zum Crashen verdammt (VII)

Briefe eines Bankdirektors an seinen Sohn

SIEBTER BRIEF

Berlin, 15. Januar 1921

Das Geld ist gleichbedeutend mit dem verbrieften Anrecht, das sein Besitzer auf einen bestimmten Teil aller Marktgüter hat. Es ist gewissermaßen der Schlüssel, nach dem sich die gesamten Marktgüter unter die Menschen verteilen. Viel Geld bedeutet den Anspruch auf einen großen Bruchteil der Güter, wenig Geld bedeutet den Anspruch auf einen kleinen Teil. Das ist so klar, mein lieber James, dass ein Kind es begreift. Weniger klar ist dagegen die Mechanik des Verteilungsvorgangs. So befremdet es uns z.B., dass wir auf der einen Seite einen ungeheuren Gütervorrat, auf der anderen Seite aber nur einen verhältnismäßig kleinen Geldvorrat sehen. Es befremdet uns das um so mehr, als der ungeheure Gütervorrat sich täglich neu ergänzt, da ja immer wieder frische Gütermengen auf den Markt strömen, der weit kleinere Geldvorrat jedoch unter normalen Verhältnissen immer ungefähr derselbe bleibt.

Wie geht da die Verteilung vor sich? Wie bewältigt der kleine Geldvorrat die großen Gütermengen, und welcher Mechanismus sorgt dafür, dass jeder Einzelne zu seinem Recht kommt, nämlich zu seinem in den Geldzeichen verkörperten Anrecht auf Güter? Obenhin betrachtet, scheint auch dies ganz klar zu sein. Denn wenn auch die Geldzeichen nur verhältnismäßig gering an Zahl sind, so vervielfältigen sie sich doch durch ihre große Beweglichkeit.

Eben noch sah man, wie sie an einer bestimmten Stelle des Verkehrs Güterumsätze bewältigen, und schon erblickt man sie an einer andern Stelle, wo sie wiederum im Begriff sind, Umsätze zu vermitteln. Dieselben Geldzeichen tauchen bald hier, bald dort auf, und wo sie auch sein mögen, immer verteilen sie neue Gütermengen. Je schneller sie die besitzende Hand wechseln, je beweglicher sie sind, um so leistungsfähiger sind sie; genau wie eine kleine, aber schlagfertige Truppe mehr leistet, als ein großes, aber schwerfälliges Heer. Für die Wirksamkeit der Geldzeichen ist also nicht so sehr ihre Anzahl ausschlaggebend, als vielmehr die Häufigkeit ihres Platzwechsels, ihre sogenannte „Umlaufsgeschwindigkeit“.

Aber was besagt das im Grunde? Eröffnet es uns irgend einen Einblick in den Sinn der Wirtschaftsvorgänge, wenn wir wissen, dass der Umsatz von Marktgütern so groß ist, wie die Geldmenge multipliziert mit ihrer Umlaufsgeschwindigkeit? Können wir aus dieser Tatsache irgend eine zuverlässige Folgerung ziehen? Können wir beispielsweise folgern, dass jeder Zunahme der Umlaufsgeschwindigkeit ohne weiteres eine entsprechende Zunahme des Güteraustauschs und der Produktion entspricht? Wenn das der Fall wäre, so besäßen wir ein prächtiges und höchst einfaches Mittel, die Umsätze zu erhöhen und die Wirtschaft zu beleben: Wir brauchten nur das Geld recht schnell rollen zu lassen, also die Lohnzahlungen an die Arbeiter täglich statt wöchentlich und die Begleichung der Miets- und Kapitalzinsen vierzehntägig statt vierteljährlich stattfinden zu lassen. Das Ei des Kolumbus!

Aber auf so einfache Weise lassen sich Handel und Wandel leider nicht beleben. Es gibt zwar naive Leute, die wirklich der Ansicht sind, man könne den „Geldmangel“, den sie wahrzunehmen glauben, dadurch beseitigen, dass man die Geldzeichen ihre Arbeit schneller verrichten lasse und es ist aus diesem Grunde schon häufig vorgeschlagen worden, die Lohn-, Miets- und Zinszahlungen in kürzeren Perioden stattfinden zu lassen. In Wirklichkeit würde aber niemand einen Vorteil von einer solchen Maßnahme haben. Weder der Arbeiter noch der Arbeitgeber, weder der Mieter noch der Hauswirt, weder der Gläubiger noch der Schuldner würden dadurch auch nur um einen Pfennig bereichert werden. Wenn überhaupt eine finanzielle Wirkung einträte, so könnte es nur eine ungünstige sein: Die Lohn-, Miets- und Zinsbeträge würden so sehr zusammenschrumpfen, dass es sich nicht mehr lohnte, sie vor der Auszahlung oder nach der Empfangnahme zur Bank zu geben, d.h. sie produktiv wirken zu lassen. Die Beträge würden sich vielmehr untätig in den Geldschränken und Portemonnaies verzetteln.

Daß es auf die bloße Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes nicht ankommt, erkennt man übrigens am besten, wenn man sich den Geldverkehr am sogenannten Kapitalmarkt und an der Börse vergegenwärtigt. Nirgends läuft das Geld schneller um als hier. In spekulativ erregten Zeiten kann eine Aktie an einem Tage zehnmal und mehr den Besitzer wechseln, was entsprechende Zahlungen auslöst.

Aber hat dieser schnelle Geldumschlag den geringsten wirtschaftlichen Effekt? Bedeutet es einen produktiven Vorgang, wenn soundsoviel Phönix-Aktien von A. an B. , von diesem an C. und so weiter übergehen und in einer Stunde denselben Geldbetrag zehn Umsätze bewirken lassen? Damit ist nicht etwa gesagt, dass Geldmarkt und Börse nutzlose Einrichtungen seien. Aber der Nutzen, den sie etwa stiften, hat nichts mit der Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes zu tun.

Es kommt also, wie Du siehst, mein Sohn, nicht darauf an, wie oft und wie schnell das Geld umläuft, sondern darauf, ob es „im Nutzlauf‘ oder „im Leerlauf‘ zirkuliert. Bringt der Bauer Getreide zu Markt, oder liefert der Handwerker seine Arbeit ab, so ist die Geldbewegung, die dieser Vorgang auslöst, Nutzlauf. Verkauft aber ein Spekulant Aktien, oder vermittelt ein Häusermakler den Besitzwechsel einer Villa, so handelt es sich um einen Leerlauf des Geldes. In einer gesunden Wirtschaft braucht das Geld gar nicht übermäßig schnell zu zirkulieren, wenn es nur bei einer möglichst großen Zahl der Umsätze wirtschaftliche Leistungen vermittelt.

Ob das geschieht oder nicht, hängt aber niemals vom Gelde ab. Weder die Menge noch die Umsatzzahl des Geldes entscheidet darüber, ob die Zahlungsakte, die es vermittelt, nützlich oder schädlich oder neutral sind. Wie sollte das auch möglich sein? Das Geld ist ja weiter nichts als ein verbrieftes Recht, ein Recht zum Bezuge von Gütern. Dieses Recht entsteht dadurch, dass jemand etwas geleistet und sich dadurch den Anspruch auf eine Gegenleistung erworben hat. Wenn das Recht aber erst einmal besteht, kann es durch zahllose Hände gehen, ohne dass notwendig eine Leistung, eine Bereicherung der Wirtschaft, damit verbunden ist. Der Vater kann es seinem Sohn, der Sohn kann es seinem Freunde, dieser kann es irgend einer Dame abtreten. Das sind dann drei Umlaufsakte ohne jeden wirtschaftlichen Nutzeffekt.

Es muß also unbedingt ein Element außerhalb des Geldes geben, das dessen Zirkulation regelt und dafür sorgt, dass die im Gelde dargestellten Güterbezugsrechte möglichst häufig in Erfüllung eines produktiven Zwecks den Inhaber wechseln. Und in der Tat existiert ein solcher Regulator. Er erfüllt die ganze Wirtschaft mit seiner Wirksamkeit, und es vergeht kein Tag, an dem nicht jeder von uns ihm mehrere Male begegnet. Dieser Regulator ist der Preis.

Auf welche Weise der Preis seine regelnde Funktion versieht, ist sehr leicht zu erkennen. Man braucht sich nur die Frage vorzulegen: Wann kauft der Kapitalist Aktien? Wann kauft er eine Villa? Mit an dem Worten, wann verwendet der Inhaber eines Güterbezugsrechts dasselbe unproduktiv, indem er längst bestehende Werte an sich bringt, statt es produktiv zu verwenden, d.h. die betreffenden Werte neu herstellen zu lassen und die Wirtschaft dadurch‘ zu bereichern? Die Antwort lautet dann: Er wird Anteile an einem bestehenden Unternehmen (Aktien) erwerben, wenn diese am Ertrag gemessen billiger sind als die Anteile einer erst zu errichtenden Unternehmung und er wird eine fertige Villa kaufen, wenn diese ihn billiger zu stehen kommt als eine neu zu erbauende. Natürlich sprechen die etwaigen Annehmlichkeiten des sofortigen Besitzes alter Objekte bei der Abwägung des Preises ebenso mit, wie auf der anderen Seite die Vorteile (Modernität, längere Lebensdauer) neuer Objekte. Stellt sich unter Berücksichtigung dieser Momente der Preis der Beteiligung an einem neuen Unternehmen oder der Preis einer neu zu erbauenden Villa niedriger, als sich der Preis der alten Objekte stellt, so wird der Kapitalist geneigt sein, zu bauen oder bauen zu lassen, also sein Geld „produktiv“ zu verwenden.

Die meisten Menschen sind nun bekanntlich nicht gesättigte Kapitalisten, sondern Leute, die gezwungen sind, „sich ihr Geld zu verdienen“ ; das heißt Leute, die sich den Anspruch auf die Güter, die sie zum Leben brauchen, durch Leistungen erkaufen müssen. Die Umwelt hat aber für ihre Leistungen, wie wir gesehen haben, nur dann Verwendung, wenn sie zu einem Preise angeboten werden, der – unter Berücksichtigung aller hierbei mitsprechenden Momente – billiger ist als der Preis der alten, „versteinerten“ Leistungen, die in Gestalt von beweglichen und unbeweglichen Vorräten zum Angebot kommen. Neue und alte Produktion liegen also in ständiger Konkurrenz miteinander.

Ich erinnere an ein bekanntes Beispiel: Wie ängstlich studiert der amerikanische Baumwoll-Farmer alljährlich die statistischen Berichte über die Weltvorräte an Baumwolle! Warum? Weil er genau weiß, dass der Preis, den man ihm bieten wird, ganz vom Preise und der Menge der Baumwolle vorjähriger Ernte abhängt. In derselben Lage sind mehr oder weniger alle Produzenten. Sie müssen ihren Preis, d.h. ihren Anspruch auf Gegenleistung, unter einer ganz bestimmten Höhe halten. Tun sie das nicht, so zirkulieren große Mengen Geld im „Leerlauf ‚ statt im „Nutzlauf‘ , und die Produktivität im Lande schrumpft ein.

Der Preis zieht also Geld an den Markt der neu produzierten Güter, wenn er niedrig ist, und er stößt Geld von diesem Markte ab, wenn er hoch ist. Im ersteren Falle erhöht, im zweiten ermäßigt er die wirkliche, wirksame Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes. Die Produzenten müssen also „billig“ erzeugen, sie müssen für jeden Anspruch, der aus einer Leistung entstanden ist und ihnen in Gestalt von Geld überlassen wird, eine große Gegenleistung hergeben. Das heißt nichts anderes als: Sie müssen viel erzeugen, wenn sie die wirksame Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes erhöhen wollen.

Was ergibt sich hieraus? Es ergibt sich, dass nicht die Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes über die Produktion, sondern umgekehrt die Produktion über die Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes entscheidet. Ja, es ergibt sich daraus noch mehr, und zwar eine sehr interessante Tatsache. Da der Produzent in dem Maße, wie er seine Erzeugung verstärkt, in immer schnellerem Tempo Geld an sich heranzieht, so wird er selbst immer konsumkräftiger. Jedes Mal, wenn das Geld in beschleunigtem Kreislauf seine Kasse passiert, gelangt er damit in den Besitz neuer Güterbezugsrechte, die er geltend machen kann.

Hat er zunächst durch seine Preisstellung die fremde Nachfrage verstärkt und ihr sein Angebot entgegengesetzt, so verstärkt er jetzt seinerseits die Nachfrage, indem er das durch seine Leistung erworbene Recht auf Gegenleistung ausübt, also das eingenommene Geld wieder ausgibt. Er erhöht auf diese Weise nicht nur seine eigene, sondern die allgemeine Produktion. Die Leistungen werden immer größer und folgen sich immer schneller, und sie erzeugen Ansprüche auf Gegenleistungen, die gleichfalls immer größer und häufiger werden. Da aber ein Anspruch auf Gegenleistung nichts anderes ist als Geld, so folgt daraus, dass jede Zunahme der Produktion das zu ihrer Bewältigung erforderliche Geld selbst beschafft. Sie beschafft es auch dann, wenn keine äußerlich wahrnehmbare Vermehrung der Geldzeichen eintritt, und zwar dadurch, dass sie die vorhandenen Geldzeichen immer schneller anzieht und abstößt, d.h. ihre Umlaufsgeschwindigkeit erhöht.

Auf diese Weise erzeugt die Wirtschaft selbst, ohne Zutun von außen, ohne jede Einwirkung des Staats, neues Geld, sobald sie dessen bedarf, und in genau derjenigen Menge, deren sie bedarf. Wer also sagt, es könne jemals „zu viel“ oder „zu wenig“ Geld zur Bewältigung des Güterverkehrs geben, der hat weder das Wesen des Geldes noch das Wesen des Güterumlaufs erkannt. Geldzirkulation und Güterzirkulation sind ganz einfach identisch, wenn man auch aus Gründen der Bequemlichkeit, vor allem wegen des leichteren Eigentums-Nachweises, die abstrakten „Rechte“ an den zirkulierenden Gütern zu einem selbständigen, konkreten Wirtschaftsfaktor, nämlich zu „Geld“ gemacht hat. Um ein Bild zu gebrauchen: Produktion und Konsum sind der auf- und abgleitende Kolben der Wirtschaftsmaschine, und das Geld ist das Schwungrad, das vom Kolben bald in langsame, bald in schnelle Bewegung gesetzt wird. Diese Bewegung, Umlaufsgeschwindigkeit genannt, wird durch die Schnelligkeit der Kolbenbewegung reguliert. Der Kolben, nicht das Rad, treibt die Maschine. Das Rad ist nur ein technischer Behelf. Es ist vorteilhafter, den Kolben durch das Schwungrad auf den Gang der Maschine wirken zu lassen, als direkt. Es ist vorteilhafter, aber nicht unbedingt nötig. Man kann die Anrechte auf Güter auch ohne das Hilfsmittel des Geldes unter die Bevölkerung aufteilen; das wäre dann Tauschwirtschaft statt Geldwirtschaft. Aber die Tauschwirtschaft ist so schwerfällig und bedarf, da die auszutauschenden Güter fast niemals gleichwertig sind, so sehr der Ergänzung durch den im Kleinverkehr herzlich unbeliebten Kredit, dass es eine ausschließliche Tauschwirtschaft nirgends gibt und meiner Ansicht nach auch niemals gegeben hat.

Kapiert? Dein alter Papa

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