Papiergeld ist periodisch zum Crashen verdammt (X)

Briefe eines Bankdirektors an seinen Sohn

ZEHNTER BRIEF

Berlin, 26. Januar 1921

So alt wie das Geld, lieber James, so alt ist auch die Klage der Menschen, es gebe „zu wenig Geld“. Das ist ein Missverständnis, von dem ich nicht zu hoffen wage, dass es jemals ganz aus der Welt verschwinden wird. Es werden wohl immer nur ganz Vereinzelte sein, die erkennen, dass „zu wenig Geld“ ein Widersinn ist. Geld ist der Maßstab, nach dem sich die vorhandenen Güter auf die Bevölkerung verteilen, und man kann die einzelnen Güter-Portionen nur vergrößern, indem man die Gütermenge erhöht, nicht aber, indem man den Maßstab verlängert. Wer darüber klagt, dass er zu wenig Geld hat, klagt in Wirklichkeit nur darüber, dass er nicht genug Waren oder Leistungen hat absetzen und sich daher nur eine kleine Portion der vorhandenen Gütermenge hat beschaffen können.

Das kann eine Frage der persönlichen Unfähigkeit oder eine Frage der sozialen Ungerechtigkeit sein, niemals aber eine Frage der Geldmenge. Da die große Masse das aber nicht einsieht, so fordert sie vom Staat, dass er mehr Geldzeichen herstelle, und der Staat erkennt diese Forderung als grundsätzlich berechtigt an, indem er Notenbanken errichtet, die „nach Bedarf“ Geldzeichen ausgeben sollen. Dabei setzt er der Schöpfertätigkeit der Banken freilich gewisse Grenzen. Wenn aber schon seine Anerkennung des öffentlichen Geldverlangens uns ein wehmütiges Lächeln abnötigt, weil sie auf einem Irrtum beruht, so wirken die „Grenzen“ , die er dem Verlangen setzt, vollends humoristisch. Denn der Staat pfropft hiermit seinem ersten Irrtum einen zweiten auf.

Wie die beiden Irrtümer entstanden sind, ist durchsichtig genug. Der Staat hat sich im Laufe der Jahrhunderte, durch Schaden gewitzigt, zu der Erkenntnis durchgerungen, dass nicht jedes Geld den in ihm dargestellten Güteranspruch wirklich voll gewährleistet, also „wertbeständig“ ist. Er hat vielmehr erkannt, dass nur solch Geld, das entweder selbst aus Edelmetall (Gold) besteht, oder jederzeit in dieses Edelmetall umgetauscht werden kann, die Eigenschaft der Wertbeständigkeit hat. Dabei ist ihm jedoch der Grund dieser Tatsache verborgen geblieben. Er sieht darin nur den Ausfluss einer menschlichen Laune eines Vorurteils. Er führt die Wertbeständigkeit des Goldgeldes oder Gold gedeckten Geldes darauf zurück, dass die Menschen nun einmal nur ein Geld, für das sie jederzeit den vollen Gegenwert in dem edlen Weltmetall erhalten können, für wert echt halten. Wenn das auch nur eine Marotte sei, die wohl aus der traditionellen Überschätzung der Edelmetalle herrühre, so müsseman ihr doch Rechnung tragen und möglichst nur solch Geld ausgeben, das auf Wunsch seines Inhabers jederzeit in Metall umgetauscht werden könne.

Das ist aber ein In turn. Die tatsächliche Überlegenheit des Goldgeldes – im östlichen Weltteil des Silbergeldes – hat eine weit tiefere Ursache als die Laune oder den Eigensinn der großen Masse. Die verhältnismäßige Wertbeständigkeit des Goldgeldes rührt vielmehr daher, dass die Erzeugung solchen Geldes der staatlichen Willkür entzogen ist. Goldgeld kann nur entstehen, wenn Gold produziert und an den Markt gebracht, wenn also etwas geleistet wird. Die Forderung, dass die Leistung und nur die Leistung Geld entstehen lasse, ist beim Goldgelde (oder bei dem voll durch Gold gedeckten Gelde) in idealer Weise erfüllt. Es kann von solchem Gelde niemals mehr entstehen, als der menschliche Verkehr, der Leistung gegen Leistung austauscht, rechtfertigt und braucht. Und da die Menge des Geldes bzw. das Verhältnis zwischen dieser Menge und den Leistungen über die Kaufkraft, über den „Wert“ des Geldes entscheidet, so ist das Goldgeld, bei dem die Menge bzw. das Verhältnis keine willkürliche Verschiebung erfahren kann, wertbeständig. Genau so wertbeständig würde aber auch jedes andere Geld sein, dass ausschließlich aus der Leistung entsteht, das also vom Verkehr selbst erzeugt und nicht nach irgend welchen Prinzipien von außen her dem Verkehr aufgezwungen wird.

Das erkennt, wie gesagt, der Staat nicht. Er glaubt an eine fixe Idee der Völker, an eine Art „Goldwahn“ , und versucht nun, diesem Vorurteil durch eine bestimmte Geldpolitik Rechnung zu tragen. Er ermächtigt also die Notenbanken, das Verlangen des Volks nach „mehr Geld“ unter der Voraussetzung zu erfüllen, dass die ausgegebenen Noten in gewisser Höhe durch Gold gedeckt seien.
Die Notenmenge könne beliebig hoch gegriffen werden, wenn nur immer Gold genug vorhanden sei, um diejenigen Noteninhaber, die in ihrem „Goldwahn“ etwa einmal Metall zu erhalten wünschten, aus dem Bestande befriedigen zu können. Da erfahrungsgemäß in normalen Zeiten im Durchschnitt nur jeder zehnte oder fünfte, allerhöchstens jeder dritte Noteninhaber Gold gegen seine Noten verlange, so genüge es, wenn der Metallbestand ein Drittel des Gesamtbetrages der ausgegebenen Noten ausmache.

Sei diese Bedingung erfüllt, so könnten die Banken ruhig jede Notenmenge in Umlauf setzen, die dem „Verkehrsbedürfnis“ entspreche; das letztere lasse sich am besten aus der Zahl der bei den Banken zur Diskontierung eingereichten kaufmännischen Wechsel erkennen.
Aus diesem Gedankengang heraus sind alle existierenden Notenbanken entstanden. Das Prinzip ist überall dasselbe, wenn man auch bei der einen Bank das Vorhandensein von 40 Prozent Gold statt von 33 1 /3 Prozent zur Bedingung macht, bei einer anderen Bank wieder irgend eine Ziffern mäßige Höchstgrenze für die auszugebenden Noten festsetzt; eine Höchstgrenze die fast regelmäßig heraufgesetzt wird, sobald das „Verkehrsbedürfnis“ es zu fordern scheint. Das Privileg aller Notenbanken beruht also auf dem zweifachen Irrtum, dass der „Wert“ des Geldes mit der umlaufenden Geldmenge im Lande nichts zu tun habe, und dass nur das Gold bzw. die Möglichkeit eines Umtauschs in Gold dem Gelde seine Wertbeständigkeit verleihe. Während es sich in Wirklichkeit gerade umgekehrt verhält: Das Gold hat als solches gar keinen, die Geldmenge dagegen den alleinigen Einfluss auf den „Geldwert“.

Daher kommt es, mein Lieber, dass alle Notenbanken ohne Ausnahme versagt haben, sobald sie die Probe auf das Exempel machen und dem Verkehr – etwa im Kriege oder in einer Krisis – eine erheblich vermehrte Notenmenge zur Verfügung stellen wollten. Ihre Noten haben dann sofort einen Teil ihrer Kaufkraft eingebüßt, und die Noteninhaber haben die Banken wegen Umtauschs der Noten in Gold bestürmt, weil nur dieses, nicht nach Willkür vermehrbare internationale Geld seinen Wert behielt. Es hat sich dann sehr bald herausgestellt, dass die goldene Dritteldeckung nicht entfernt ausreichte, um alle Ansprüche zu befriedigen, und man hat daher den Umtausch eingestellt, die Einlösung der Noten in Gold suspendiert. Zu diesem Mittel, das ja den Bruch eines dem Volk gegebenen feierlichen Versprechens bedeutet, hat man allerdings immer erst gegriffen, nachdem andere, mildere Mittel versagt hatten. Vorher versuchte man es entweder mit einer kleinen Spitzbüberei, indem man den Noteninhabern statt vollwertiger goldener Münzen alte, abgegriffene und nicht mehr vollwichtige Stücke aushändigte, sie also um einen Teil ihrer Goldforderung brachte, nicht um sie zu schädigen, sondern um sie abzuschrecken. Oder man versuchte es mit dem Schandpfahl: Man erklärte jeden Noteninhaber, der- in diesem kritischen Moment Goldansprüche an die Notenbank stellte, für einen Vaterlandsverräter. Tatsächlich waren aber alle diese Mittelchen bereits ein verschleierter Rechtsbruch und der erste Schritt auf dem Wege zur glatten, offenen Suspension der Goldzahlung.

In einigen Ländern haben denn auch die Regierungen allmählich erkannt, dass das ganze Notenbank-Prinzip auf einer fehlerhaften Kenntnis des Geldwesens beruhe. Aber nur einzig und allein England hat von allen europäischen Staaten die Energie aufgebracht, mit dem Prinzip zu brechen. Dort wurde 1844 durch die berühmte Peels Act bestimmt, dass außer den damals umlaufenden Noten keine neuen mehr in Verkehr gesetzt werden dürften. Nur gegen Gold sollten fortan neue Noten ausgegeben werden; für jede Note sollte ihr voller Betrag in Gold bei der Bank hinterliegen. Mit anderen Worten:
Nicht mehr der Staat oder die von ihm privilegierten Banken, sondern der Verkehr sollte, wie es in der Natur der Dinge liegt, neues Geld erschaffen; Staat oder Bank sollten sich fortan darauf beschränken, die Tatsache, dass durch Übergabe von Gold, also durch eine Leistung, Gold entstanden sei, mittels Prägestempels oder mittels eines Gold-Zertifikats (Banknote) zu konstatieren. Weil England auf diese Weise die Bank als Geldschöpferin ausgeschaltet und sich ein Geld geschaffen hat, das aus dem lebendigen Verkehr heraus geboren wurde, hat das Land bis zum großen Kriege das beste Geld der Welt, das einzige wirklich wertbeständige Geld gehabt. Als man dann aber im Kriege die Gelderzeugung wieder zu einer Angelegenheit des Staats und seiner Notenpresse machte und dem Verkehr neue, nicht aus ihm selbst heraus entstandene Geldzeichen aufdrängte, war es natürlich mit der Vollwertigkeit des im Gelde dargestellten Güteranspruchs vorbei.

Daraus ergibt sich, lieber James, dass eine schlechte, geldausspeiende Notenbank schädlich, eine gute aber überflüssig ist. Denn die mechanische Aufgabe, das im Verkehr entstandene Geld zu beglaubigen, kann jedes Münzamt versehen. Es scheint auch, als wenn diese Erkenntnis hie und da zu keimen beginnt, weniger in Europa als in Südamerika. Dort haben einige Staaten, als sie an die Sanierung ihres Geldwesens gingen, bewusst auf die Gründung von Notenbanken verzichtet und statt dessen „Konversionskassen“ errichtet, d.h. Kassen, welche die Entstehung neuen Geldes lediglich beglaubigten, indem sie für deponiertes Gold Anerkenntnisse ausgaben, die im Verkehr wie Gold selbst zirkulierten. Vox populi, die immer nach „mehr Geld“ schreit, ist damit allerdings nicht zufrieden, und da es innerpolitische Augenblicke gibt, in denen man der „Straße“ nachgehen muss, so ist es fraglich, wie lange beispielsweise in Argentinien die Vernunft in Gelddingen die Oberhand behalten wird.
Und wir in Europa? Wir haben in den letzten Jahren so teures Lehrgeld gezahlt, dass wir eigentlich allmählich auf die Höhe der argentinischen Erkenntnis gelangen müssten. Aber meine Hoffnung ist in dieser Hinsicht nicht sehr groß. Bei uns wird zu viel geschwatzt und zu wenig gedacht.

In Liebe Dein alter Papa

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