Papiergeld ist periodisch zum Crashen verdammt (XI)

Briefe eines Bankdirektors an seinen Sohn

ELFTER BRIEF

Berlin, 28. Januar 1921

Die schlimme Wirkung, lieber James, die eine willkürliche Geldvermehrung auf den „Geldwert“ , d.h. auf die Größe des im Gelde verkörperten Güteranspruchs, ausübt, wird meist erst ziemlich spät erkannt. Die Wirkung muss schon recht tief gehen, die Geldverschlechterung einen unheilvollen Grad erreicht haben, bevor der Staat oder die Notenbanken zugeben, dass die Entwertung des Geldes eine Folge ihrer eigenen falschen Geldpolitik sei. Haben sie das aber erst einmal erkannt und den Zusammenhang zwischen der Geldentwertung und der sogenannten „Inflation“ öffentlich zugegeben, so ereignet sich allemal etwas, was man amüsant nennen könnte, wenn es nicht so ernste Folgen hätte.

Staat oder Notenbank suchen dann nämlich die Inflation auf eine ganz bestimmte Weise zu mildem, und zwar auf eine Weise, die deutlich zeigt, dass man den Zusammenhang zwischen Geldverschlechterung und Inflation ahnen und doch sehr laienhafte Ansichten über das Geld haben kann.
Die Notenbank – wir wollen den Staat einmal aus dem Spiel lassen – argumentiert nämlich folgendermaßen: Es ist nicht daran zu zweifeln, dass es ein Fehler war, so große Mengen von Banknoten auszugeben und dadurch den Wert des Geldes zu schwächen. Man müsste also den Versuch machen, einen Teil der Banknoten wieder einzuziehen, aber so, dass keinem Inhaber einer Banknote daraus ein Verlust erwächst. Am besten eignet sich zu diesem Zweck der bargeldlose Zahlungsverkehr. Man bringt den Inhabern der eingezogenen Banknoten den Gegenwert auf einem Konto gut und veranlasst sie, ihre Zahlungen nunmehr nicht mehr in bar, d.h. mit Noten, sondern mittels Überweisung von ihrem eigenen Konto auf das Konto der anderen Bankkunden zu leisten. Auf diese Weise gewinnen alle Beteiligten: Der Verkehr wird einen Teil des übermäßigen Notenumlaufs los, was günstig auf den Geldwert einwirkt; die Bank weist entsprechend weniger Noten in ihren Ausweisen aus, was die Kritik verstummen läßt; und die Bankkunden, die ihre Noten gegen ein Konto ausgetauscht haben, genießen die Vorzüge des Überweisungsverkehrs gegenüber dem Barverkehr.

Jeder hat einen Vorteil, niemand einen Verlust. Probatum est.
Darum, mein lieber Sohn, wirst Du stets, wenn die Inflation und die Währungsnot einen hohen Grad erreicht haben, das Loblied des bargeldlosen Zahlungsverkehrs singen hören. Mit Bitten undDrohungen, mit aufklärenden Schriften und mit den bekannten Imperativen („Zahle bargeldlos!!“
„Fördere den Überweisungsverkehr“ „Bekämpfe die Inflation!“) wird auf die Öffentlichkeit eingewirkt, damit sie ihre Noten abliefere und sich dafür ein Konto einrichten lasse, sei es bei der Notenbank selbst, sei es bei einer andern Bank, die ihrerseits in unbarem Verkehr mit der Notenbank steht. Tatsächlich hat die Propaganda auch meist Erfolg. Die Privatguthaben bei den Banken, dieBankguthaben bei der Notenbank erfahren eine nennenswerte Steigerung, die deutlich zeigt, wie viel Noten man hätte ausgeben müssen, wenn das Publikum jetzt nicht vielfach mit Scheck und Überweisung statt mit Banknoten zahlte.

Nur eins bleibt aus, und das ist der – Erfolg. Die Tatsache, dass man so und so viel Milliarden Noten einziehen kann, oder nicht auszugeben braucht, weil der Verkehr sich statt ihrer jetzt des Kontos für seine Zahlungen bedient, übt nicht die geringste Wirkung auf den Geldwert und auf die Preise aus.
Und man fragt sich mit Sorge, welchen Fehler man denn jetzt wieder begangen habe. Denn da es feststehe, dass nur die übergroße Zahl der Geldzeichen schuld an der Geldverschlechterung und der damit identischen Teuerung sei, so müsse die Verringerung der Notenzahl doch eine Geldverbesserung und einen Preisabbau herbeiführen. Man findet aber in der Regel keinen triftigen Grund, sondern kommt schließlich zu der Ansicht, man habe wohl noch nicht genug auf dem Gebiet des bargeldlosen Verkehrs geleistet. Es müsse noch ungleich mehr unbar gezahlt werden, die Banknote müsse allmählich vollständig aus dem Großverkehr verschwinden. Und von neuem setzt die Propaganda ein: „Zahle bargeldlos!“

Wie gesagt, das wäre sehr amüsant, wenn es nicht in so erschreckender Weise zeigte, auf welchem Tiefstand die Erkenntnis des Geldes und seiner Gesetze auch dann noch steht, wenn man endlich den Zusammenhang zwischen Inflation und Währungsnot begriffen hat. Denn, um es kurz zu sagen, mein Lieber: Der ganze Gedanke, die Inflation durch die Förderung des bargeldlosen Verkehrs bekämpfenzu wollen, ist hanebüchener Unsinn. Der bargeldlose Verkehr mag unter Umständen (durchaus nicht immer!) eine sehr nützliche Einrichtung sein. Aber der Inflation kann er aus einem sehr einfachen Grunde nicht entgegenwirken, nämlich weil er – selbst ein Teil der Inflation ist.

Geld ist ja, das kann gar nicht oft und laut genug gesagt werden, nicht etwa nur identisch mit den Geldzeichen, die man im Verkehr antrifft. Das Geld ist seinem Wesen nach gar nichts Materielles, sondern etwas Abstraktes: Ein Recht zum Bezuge von Gütern. Ob dieses Recht sich in Goldbarren, in Münzen, in Kassenscheinen, in Banknoten, oder endlich in Giroguthaben verkörpert, ist vollständig gleichgültig. Worauf es ankommt, ist immer einzig und allein, dass nur so viel Güterbezugsrechte existieren, wie der Verkehr mit seinen täglichen Leistungen und Gegenleistungen aus sich selbst heraus erzeugt. Jede Note und jedes Giroguthaben, das auf diese natürliche Weise entsteht, ist gutes, gesundes Geld. Und jede Note, jedes Giroguthaben, das vom Staate oder einer Bank willkürlich geschaffen wird, ist überschüssiges, schlechtes Geld. Ob man die willkürlich ausgegebenen Banknoten ruhig im Umlauf lässt, oder ob man sie einzieht und durch Buchguthaben, sogenanntes „Giralgeld“ ersetzt, ist ohne jeden Belang. Oder sind etwa die zu Unrecht ausgegebenen Bezugsrechte auf Güter aus der Welt geschafft, weil man sie nun nicht mehr körperlich in Noten, sondern unkörperlich im Giroverfahren von Hand zu Hand gehen lässt? Wird auch nur eine einzige Kaufkraft im Lande weniger ausgeübt, wenn unbar statt bar gezahlt wird? Und nur darauf kommt es doch an: Es muss weniger Kaufkraft ausgeübt werden, wenn man die Güterpreise ermäßigen, oder, was dasselbe ist, den „Geldwert“ erhöhen will.

Man tut, wenn man die Unlogik eines Gedankens nachweisen will, immer gut, den Gedanken bis in seine letzten Konsequenzen hinein zu verfolgen. Wir wollen uns deshalb einmal vorstellen, der Appell, den die Regierungen und die Notenbanken an die Öffentlichkeit richten, hätte den außerordentlichen Erfolg, dass nunmehr sämtliche Zahlungen, außer den allerkleinsten, nicht mehr mit Bargeld, sondern im Giroverkehr geleistet werden. Man würde also nunmehr alle Geldzeichen, die 50 Centimes oder 2 Mark übersteigen, einziehen und dadurch den Geldumlauf um neun Zehntel oder noch mehr einschränken können. Was wäre die Folge? Würde eine einzige Nachfrage deshalb unterbleiben? Würden die Giroguthaben, welche die Notenbank nunmehr den Beamten und Staatslieferanten neu einräumt, auf den Verkehrsumfang und auf die Preise aller Waren anders einwirken als vorher die Noten? Und stellen wir uns, um bis ans Ende zu gehen, einmal vor, ein drakonisches Gesetz verbiete alle baren Zahlungen ohne Ausnahme, zwinge also den Kleinverkehr, mit Postschecks zu zahlen, wie der Großverkehr jetzt mit Bankschecks zahlt: Was wäre die Folge? Die Banknoten, die zur Begründung eines Postscheckkontos oder eines Bankkontos eingereicht werden müssten, könnten nunmehr allerdings ohne Ausnahme eingestampft werden. Das sichtbare Geld würde verschwinden, und mit ihm die sichtbare Inflation. Aber wir würden dagegen nichts anderes eingetauscht haben als unsichtbares Geld und eine unsichtbare Inflation. Der Verkehr würde genau so kaufen, liefern und bezahlen wie vorher, nur dass die einzelne Zahlung nicht mehr durch Übergabe eines Geldzeichens, sondern durch eine Buchung erfolgt. Technisch hätte sich alles, sachlich absolut nichts geändert.

Also Vorsicht bei der Beurteilung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs! Es wird viel Missbrauch mit ihm getrieben, und viele Irrtümer sind mit der Propaganda für ihn verbunden. Geld ist Geld, auch wenn es unkörperlich auftritt. Ja, es kommt in der Form des Bankguthabens, in der Form des „Giralgeldes“ , dem eigentlichen Geldbegriff sogar noch näher als in der körperlichen Form der Münze oder der Note. Denn erst jetzt, wenn es als Forderung in einem Buche steht und als Überweisung bald diesem, bald jenem „gutgeschrieben“ wird, tritt der wahre Charakter des Geldes als eines abstrakten Rechts, eines Rechts zum Bezuge von Gütern, deutlich hervor; während es bisher noch immer eine Konfusion zwischen diesem Recht und seinem körperlichen Vertreter, zwischen dem Gelde selbst und den Geldzeichen, gegeben hat.

In Liebe Dein alter Papa

Papiergeld ist periodisch zum Crashen verdammt (XI)
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