Schöpfer des Schuldkults

Als der württembergische Bischof und designierte Vorsitzende der im Entstehen begriffenen Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Theophil Wurm, bei seinen Verhandlungen mit den Westalliierten am 22. Juni 1945 in Frankfurt am Main als oberstes Ziel kirchlicher Bemühungen die „Re-Christianisierung des deutschen Volkes“ nannte, stieß er bei den Angloamerikanern auf begeisterte Zustimmung.Karlheinz Weissmann über das Buch von Karl Richard Ziegert mit dem Titel Zivilreligion – Der protestantsiche Verrat an Luther über die Rolle des bundesdeutschen Protestantismus nach 1945 als Hüter einer neuen Zivilreligion.

Zivilreligion ist ein schillernder Begriff. Das hat damit zu tun, daß Zivilreligion zu den Erscheinungsformen Politischer Theologie gehört. Auch Politische Theologie ist ein schillernder Begriff, aber doch insoweit abgrenzbar, als sie einen Zusammenhang zwischen bestimmten politischen und bestimmten theologischen Vorstellungen behauptet. Normalerweise kommt die Theologie dabei nur indirekt zur Geltung, als Spät- oder Nachwirkung.

Schon aus diesem Grund ist die Untersuchung von Karl Richard Ziegert so bemerkenswert, weil es in ihr darum geht, den direkten Einfluß von Theologie und Theologen auf die Entstehung, Ausbildung und Durchsetzung der deutschen Zivilreligion nach 1945 nachzuzeichnen, in deren Zentrum die Kollektivschuldthese steht.

Dem Leser mutet der Verfasser einen Anmarsch von erheblicher Länge und einer gewissen Beschwerlichkeit zu, wenn es darum geht, seine Ansicht zu untermauern, daß die Vorstellung von der „Singularität“ der Judenvernichtung in der NS-Zeit und der Notwendigkeit ewiger Buße nicht einfach auf die Einflußnahme linker Intellektueller oder alliierter Reeducation zurückzuführen sei, sondern auf ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren, zu deren wichtigen der deutsche Protestantismus gehörte.

Dieser Protestantismus, so Ziegert, habe sich bereits nach dem Ende des Ersten Weltkriegs in einer Phase der Desorientierung von seinem älteren liberalen Programm abgewendet, das die Gewissensfreiheit und Glaubensüberzeugung des Individuums sowie die Geschichtlichkeit der Glaubensform betonte, um jetzt einen Geltungsanspruch gegenüber Staat und Gesellschaft zu behaupten, der sich als „übersäkular“ verstand, faktisch aber auf einen evangelischen Klerikalismus hinauslief. Daß die Vorstellung vom „Bund zwischen Nation und Altar“ auf seiten der Rechten mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten zu triumphieren schien, dürfe jedenfalls nicht darüber hinwegtäuschen, daß sich parallel auf der Linken ein Programm etabliert hatte, das etwa durch die Formel „Bund zwischen Sozialismus und Altar“ zu charakterisieren wäre.

Die Strukturgleichheit zwischen beiden führte nach Ziegert zu der bizarren Situation, daß sich die Bekennende Kirche unter dem Einfluß ihres Lehrmeisters Karl Barth nach 1933 gar nicht prinzipiell gegen den totalitären Staat wenden konnte, dessen Anspruch – auf vollständige Erfassung und Durchdringung – sie prinzipiell anerkannte. Was auch erklärte, warum nach 1945 ein so zügiger Frontenwechsel möglich war, man sich für den Preis der Umdeutung des Kirchenkampfs zum politischen Widerstand dem Verlangen der angelsächsischen Siegermächte unterwarf und die lutherische Zwei- Reiche-Lehre vollständig aufgab, um nun nicht mehr dem diktatorischen, sondern dem demokratischen System als legitimatorische Kraft zur Verfügung zu stehen.

Die von Barth aus dem Calvinismus abgeleitete Idee vom Vorrang der „Christengemeinde“ gegenüber der „Bürgergemeinde“ war dabei aber nur die Schauseite des Geschehens. Dahinter verbarg sich ein kompliziertes, bis heute von offizieller Seite sorgsam kaschiertes Zusammenspiel zwischen Barth und dem amerikanischen wie dem britischen Geheimdienst, dem entsprechend durchsetzten Ökumenischen Kirchenrat (dessen Generalsekretär Visser’t Hooft Agent des OSS war) und den militärischen Stellen der Sieger.

Die köderten die evangelische Kirchenleitung, die sich gerade restituierte und durchaus um ihre „Verstrickung“ wußte, mit einer Art großem Persilschein, wenn sie im Gegenzug die deutsche Kollektivschuld anerkannte. Genau das geschah mit dem Stuttgarter Schuldbekenntnis vom 18. und 19. Oktober 1945. Alle späteren Versuche, die Behauptungen dieses Textes zurückzunehmen oder doch zu relativieren, sind gescheitert.

Und der Stolz, mit dem das kirchliche Establishment auf seine Magna Charta Bezug nimmt, zeigt um so deutlicher, daß man sich dessen zentraler Rolle für die Position des deutschen Nachkriegsprotestantismus bewußt ist. Denn der sukzessive Bedeutungsverlust als religiöser Faktor schien mehr als aufgefangen durch den Erfolg, mit dem sich die evangelische Kirche ein „Wächteramt“ anmaßte, das es ihr erlauben sollte, der Gesellschaft im Moralischen und dem Staat im Politischen Vorschriften zu machen. Gemäß einer tendenziell theokratischen Konzeption galt die Kirche nicht nur als Repräsentantin des Christentums, sondern vor allem als Hüterin der „Werte“.

Die innere Widersprüchlichkeit und Brüchigkeit dieses Konzeptes muß hier nicht eigens deutlich gemacht werden. Wichtig ist aber der außerordentliche Erfolg, den die neue Art protestantischer Einflußnahme hatte, vor allem nachdem weltliche „Plagiatoren“ dieses theologischen Konzepts wie Jaspers, Adorno, das Ehepaar Mitscherlich oder Habermas die Möglichkeiten erkannten, die sich bei einem Zusammenspiel boten, um die eventuell noch Widerspenstigen zu zähmen, oder – wie es Peter Sloterdijk treffend formulierte – dem „sozialen Tod“ preiszugeben.

Ziegert zeichnet auch die einzelnen Phasen dieses Prozesses nach: von der linken Kulturrevolution in den sechziger Jahren über die zentrale Bedeutung der Rede Richard von Weizsäckers zum 8. Mai 1985 bis zum Entschluß zur Errichtung des Mahnmals für die ermordeten Juden im Zentrum Berlins. Dabei kommt er abschließend auch auf die heute ganz selbstverständlich genommene Tatsache, daß allein die deutsche Zivilreligion die Erinnerung an eine Schandtat zum zentralen Bezugspunkt macht und ihr den großen „Altar“ weiht, während jede andere Nation selbstverständlich ihre Ruhmestaten und ihre Helden in den Mittelpunkt des politischen Kultus stellt.

Dieser deutsche „Sonderweg“ ist, folgt man Ziegert, nichts als der Ausfluß eines „Gesellschaftsglaubens“, der seinen Ursprung in jenem von der evangelischen Kirche geförderten „Staatsidealismus“ hat, der dem Staat gerade nicht geben will, was des Staates ist, sondern „immer mehr theokratische Begriffe in den politischen Jargon einverleibte – mit heute noch kaum analysierten Folgen“.

Quelle: Junge Freiheit vom 11.10.2013

 

Schöpfer des Schuldkults
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Kommentare

Schöpfer des Schuldkults — 8 Kommentare

  1. Typisch für die Politik der evangelischen Kirche ist, dass derzeit die wahrhafte Chrisitin Iben Thranholm vom dänischen Parlament auf eine Beobachtungsliste gesetzt wurde, weil sie sich der Islamisierung Europas widersetzt und deswegen als Agentin Moskaus denunziert wird.  Heute wird die Darstellung des Sachverhalts vermutlich ganztägig zu Anfang jeder Stunde vorgestellt bei:

    https://www.rt.com/on-air/

    Zu Iben Thranholm:

    http://russia-insider.com/en/users/iben-thranholm

    "Iben is a well-known Danish journalist who writes about Christianity and theology.  She is frequently on radio and TV.   She is currently writing a book about Russian Orthodoxy.  She lives in Copenhagen."

    Sie wies darauf hin, dass die europäischen Männer wegen Gender-Wahn ihre Frauen nicht mehr gegen die fremden Eroberer verteidigen können:

    "Danish woman european men are demasculinized many act like women"

    https://www.youtube.com/watch?time_continue=3&v=2hnPL3DpIj4

    Das verwerfliche politische Verhalten der evangelischen Kirche wird auch von der Pfarrersfrau Frauke Petry kritisiert:

    http://www.epochtimes.de/politik/deutschland/zutiefst-unchristlich-afd-chefin-petry-kritisiert-kirche-nach-angriff-auf-ex-pfarrer-und-afd-kandidaten-a2020967.html?meistgelesen=1

    "Frauke Petry kritisiert die Kirche nach Vorwürfen gegen einen pensionierten Pfarrer, der für die AfD kandidierte. “Dies ist zutiefst unchristlich”, mahnt die AfD-Chefin an. Die Worte fielen in einem Streitgespräch mit dem Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Manfred Rekowski. Dies berichtet das evangelischen Nachrichtenmagazin Idea Spectrum."

     

    • Diese EKD ist nicht nur vollkommen überflüssig, sondern nur noch in schadhafter, belehrender, arroganter und sich selbstüberschätzender Weise unterwegs.

      Was geht es sie denn an, wenn ein pensionierter Pfarrer für die AfD kandidiert ???

      Nichts !!!

      Wer Gott und sein Wort (die Bibel) wirklich ernst nimmt und achtet, kann in dieser dekadenten Kirche nicht verbleiben, was kümmert sich dieses getünchte Grab überhaupt um die Politik ???

      Jesus selbst gab die Antwort:

      "Dann gingen die Pharisäer hin und hielten Rat, wie sie ihn bei einem Ausspruch fangen könnten. Und sie senden ihre Jünger mit den Herodianern zu ihm und sagen: Lehrer, wir wissen, dass du wahrhaftig bist und den Weg Gottes in Wahrheit lehrst und dich um niemand kümmerst, denn du siehst nicht auf die Person der Menschen. Sage uns nun, was denkst du: Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu geben, oder nicht? Da aber Jesus ihre Bosheit erkannte, sprach er: Was versucht ihr mich, Heuchler? Zeigt mir die Steuermünze! Sie aber überreichten ihm einen Denar. Und er spricht zu ihnen: Wessen Bild und Aufschrift ist das? Sie sagen zu ihm: Des Kaisers. Da spricht er zu ihnen: Gebt denn dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist."

      Matthäus 22, 17

       So einfach war diese Frage beantwortet, aber dies Kirche kümmert sich nur allzu viel um die Angelegenheiten des Kaisers, was natürlich auch nicht verwunderlich ist, wenn man in göttlichen Dingen nichts zu bieten hat.

      Jaaaaaaaaa, da kommt sie immer so scheinheilig daher, Brot für die Welt und so, was sie natürlich nicht daran gehindert hatte, Gelder davon dem ANC zukommen zu lassen, welcher sich dann dafür neue Waffen einkaufen konnte.

      Jesus hatte gesagt, gebt es den Armen, diese Kirche macht es genau anders herum, denn sie holt gerade das Geld von denselbigen …

  2. Zitat: "Dabei kommt er abschließend auch auf die heute ganz selbstverständlich genommene Tatsache, daß allein die deutsche Zivilreligion die Erinnerung an eine Schandtat zum zentralen Bezugspunkt macht und ihr den großen „Altar“ weiht, während jede andere Nation selbstverständlich ihre Ruhmestaten und ihre Helden in den Mittelpunkt des politischen Kultus stellt."
    .
    Dies ist wohl wahr, und hier liegen auch die Ursachen für den irrationalen Selbsthaß der "Deutschen", … ich bin jedenfalls fest davon überzeugt, daß kein anderes Volk auf dieser schönen blauen Murmel dies mit sich hätte machen lassen.

    Verrat am deutschen Volk, wo man auch hinsieht !!!

    Auf jeden Fall ein brillanter Artikel, welcher meine volle Zustimmung in der Analyse und Bewertung erfährt, dies hat sich wahrlich gelohnt zu lesen und war Balsam für meine geschundene deutsche Seele !!!

    Selbstverständlich gebe es noch viel mehr zu diesem hochinteressanten und erschütternden Artikel zu kommentieren, …. aber alles will erst einmal emotional verkraftet sein, so daß es für heute erst mal genug sein darf.

    Stahlfront

  3. Zitat: "… mit dem sich die evangelische Kirche ein „Wächteramt“ anmaßte, das es ihr erlauben sollte, der Gesellschaft im Moralischen und dem Staat im Politischen Vorschriften zu machen."
    .
    Meine Güte, bin ich wieder mal unendlich froh, daß ich mit dieser dekadenten, opportunistischen, verräterischen und verlogenen "evangelischen" Kirche nichts, aber wirklich auch gar nicht zu tun hatte und habe.

    Auch auf sie (und eben nicht nur auf die katholische Kirche) treffen folgende apokalyptischen Worte vollkommen zu:

    "Und er rief mit starker Stimme und sprach: Gefallen, gefallen ist Babylon, die Große, und ist eine Behausung von Dämonen geworden und ein Gefängnis jedes unreinen Geistes und ein Gefängnis jedes unreinen und gehassten Vogels."

    Offenbarung 18, 2

  4. Zitat: "Daß die Vorstellung vom „Bund zwischen Nation und Altar“ auf seiten der Rechten mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten zu triumphieren schien, …"
    .
    Hierbei handelt es sich um die alte, scheinbar unausrottbare Mär, von den Nationalsozialisten als den Rechten zu schwadronieren, … deshalb nochmal zum Mitschreiben, die Nationalsozialisten (sic) waren explizit eine linke Bewegung, welche nur deshalb vom Adel und von den Industriellen unterstützt wurde, weil die Alternative (die Machtübernahme der Kommunisten) für sie keine wirklich gute Zukunft verhieß, Anschauungsunterricht gab es ja für sie in den kommunistisch beherrschten Staaten zur Genüge, denn dort wurde der Klassenfeind gnadenlos ausgerottet !!!

    Die Legende vom bösen Nationalsozialismus und dem guten Sozialismus auf internationalem Parkett (kurz Internationale) ist eine demagogische Meisterleistung der linken Nachkriegsjournaille, welche, wie man sieht, bis heute ihre Früchte trägt !!!

  5. Für Menschen, die daran glauben, daß der Mensch bereits schuldig geboren wird und der Erlösung bedarf, ist kein Schuldkult fremd?

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