Sind wir Schlafwandler wie 1914?

Sind wir Schlafwandler wie 1914? Was würde Bismarck heute tun?

Von Helga Zepp-LaRouche (bueso)

Es ist allerhöchste Zeit, daß die Menschen in Deutschland aufwachen. Die Situation wäre grotesk, wenn sie nicht so gefährlich wäre. Da warnen Dutzende von Historikern, Autoren und Kolumnisten vor den Parallelen zu 1914 und beschreiben, wie die Menschen damals wie Schlafwandler in die große Katastrophe marschierten – und dennoch tun wir heute im Prinzip genau das gleiche. Mit dem entscheidenden Unterschied, daß der Dritte Weltkrieg ein thermonuklearer wäre und die Menschheit ausgelöscht würde. Danach wäre Schluß.

Der staatliche russische Rundfunk-Auslandsdienst Stimme Rußlands warnte soeben, daß sich die Welt heute näher an einem totalen Atomkrieg befindet als selbst auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, der Kubakrise. Der Artikel macht dafür dann allerdings in einer Art Ausflucht die Erosion des Atomwaffensperrvertrages für diese Gefahr verantwortlich. Neben dem ursprünglichen nuklearen Club, also den Staaten, die vor dem 1. Januar 1967 eine Atomwaffe gezündet hatten, besäßen heute Indien, Pakistan, Israel und Nordkorea solche Waffen, weitere seien nur um Haaresbreite davon entfernt, und insgesamt strebten 30 bis 40 Staaten nach einem nuklearen Status.

Die Wahrheit ist noch ungemütlicher. Anne Applebaum, polnisch-amerikanische Historikerin und Ehefrau des polnischen Außenministers Sikorski, konstatierte kürzlich in der Washington Post die plötzliche Rückkehr von Taktiken, die während des Kalten Krieges gang und gebe waren, wobei sie allerdings Ursache und Wirkung verwechselt. Denn die Stationierung russischer Raketen an der westlichen Grenze des Landes war nicht der Anfang der Entwicklung, sondern die Reaktion auf den Aufbau des US-Raketenabwehrsystems in Polen und Tschechien. Die Errichtung des chinesischen Luftabwehrraums ist die Reaktion auf die amerikanische Doktrin des „Air Sea Battle“, deren erklärte Absicht es ist, die Verteidigung des chinesischen Festlandes zu durchdringen.

Hinter der Ostausweitung der NATO (und der EU) sowie der sogenannten „Asia Pivot“-Politik der Obama-Administration steht der zunächst von Bush senior und Thatcher, dann Bush junior und Blair und jetzt von Obama und Cameron vorangetriebene Versuch, ein neues Weltimperium auf der Basis der anglo-amerikanischen Sonderbeziehung zu errichten. Die EU fungiert dabei als der regionale Juniorpartner dieses Empires.

Diese Politik hat seit geraumer Zeit zu einem neuen globalen Rüstungswettlauf geführt. Dazu kommen verschiedene offensive Militärdoktrinen der USA und der NATO, die man als Teile einer Gesamtstrategie sehen muß. Da ist einerseits die Doktrin „Responsibility to Protect“ (R2P, „Schutzverantwortung“), die eine Absage an die von der UN-Charta garantierte Souveränität von Staaten zugunsten „humanitärer“ Interventionen erteilt. Nicht minder gefährlich ist die mehrfache Verwischung des Unterschieds zwischen nuklearen und konventionellen Waffen, wie es z.B. bei der Doktrin des „Prompt Global Strike“ der Fall ist oder dem sogenannten Präventiveinsatz von „kleinen“ Atomwaffen, den Bunkerbrechern. In einschlägigen militärischen Publikationen wie dem offiziellen Journal der US Air Force wird das Ende der MAD-Doktrin der NATO verkündet und die Behauptung aufgestellt, es sei heute möglich, die nuklearen Kapazitäten eines jeden Landes zu neutralisieren, ohne daß es zu einem radioaktiven Niederschlag komme.1 Im Journal der Yale Universität verlangt Professor Etzioni eine öffentliche Debatte über die Frage, wer im Pentagon die Vorbereitung eines Krieges gegen China autorisiert habe.2

Als Reaktion auf all diese Entwicklungen haben nun sowohl Rußland wie China unmißverständlich klargestellt, daß sie sehr wohl über eine nukleare Zweitschlagkapazität verfügen und diese auch mit voller Wucht einsetzen werden, falls sie angegriffen werden. Verschiedene Repräsentanten der russischen Regierung haben auch unterstrichen, daß sie nicht abwarten werden, bis der Westen die angestrebte technische Überlegenheit erreicht haben wird, sondern notfalls auch einen atomaren Erstschlag führen werden.

Jeder, der sich diese Gesamtlage durchdenkt, muß erkennen, daß das Schachbrett für den Dritten, diesmal thermonuklearen Vernichtungskrieg der Menschheit heute noch weitaus minutiöser vorbereitet ist, als dies bezüglich des Ersten Weltkrieges vor den Schüssen von Sarajewo der Fall war. Es sollte uns allen den Schlaf rauben, sich vorzustellen, wie schnell ein dummer Zufall, eine Provokation von dritter Seite, die Auslöschung der Menschheit bewirken kann.

Falls es zu dem unmittelbar bevorstehenden Systemkrach des transatlantischen Finanzsystems kommt, was jeden Moment geschehen kann und wovor inzwischen selbst solche traditionellen Ökonomen wie Dennis Snower vom Kieler Institut für Weltwirtschaft warnen, ist es wahrscheinlich, daß das darauf folgende Chaos sehr schnell zu militärischen Konsequenzen führen würden, die im Dritten Weltkrieg enden würden.

Die Alternative

Es ist bekannt, daß es niemals zum Ersten Weltkrieg gekommen wäre, wenn Bismarck Kanzler Deutschlands geblieben wäre, und daß die Vorgeschichte dieses Krieges mit seiner Entlassung begonnen hat. Welche Lehren können wir also heute, in diesem Augenblick höchster Gefahr, aus Bismarcks Politik ziehen?

Anstatt Rußland und China durch PR-mäßig organisierte Medienkampagnen zum Feindbild aufzubauen und damit zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung beizutragen, und sich erneut, wie im Falle Syriens, auf die Seite der Terroristen zu stellen, müssen wir Rußland angesichts der Terroranschläge in Wolgograd und anderen Orten Südrußlands unsere volle Solidarität erklären. Bundeskanzlerin Merkel und Bundespräsident Gauck sollten dieser Solidarität dadurch praktischen Ausdruck verleihen, indem sie mit einer repräsentativen Delegation an den Olympischen Spielen in Sotschi teilnehmen.

Die europäischen Nationen sollten umgehend auf die wiederholten Angebote Präsident Putins und des stellvertretenden Ministerpräsidenten Dmitrij Rogosin für die Entwicklung und Stationierung eines gemeinsamen Raketenabwehrsystems eingehen. Das Problem der Erosion des Atomwaffensperrvertrages, einschließlich der Gefahr, daß diese Waffen in die Kontrolle von Terroristen gelangen könnten, ist nur durch eine effektive Kooperation zwischen Ost und West zu bändigen.

Viktor Iwanow, der Chef der russischen Drogenbekämpfungsbehörde, hat wiederholt die Zusammenarbeit Rußlands mit der NATO, den USA und der EU beim Kampf gegen den Drogenanbau in Afghanistan und gegen die Geldwäsche der Erlöse aus diesem Drogenhandel angeboten. Statt auf dieses Angebot einzugehen, hat sich die Drogenproduktion in den zwölf Jahren des Afghanistan-Krieges unter der Ägide der NATO vervierzigfacht! Infolgedessen wird ein großer Teil der Bevölkerung in Rußland, China, Zentralasien, aber auch der europäischen Jugend zerstört. Die europäischen Nationen sollten umgehend den „Rainbow-2“-Vorschlag der Collective Security Treaty Organisation (CSTO) zur Zerstörung der Drogenproduktion in Afghanistan aufgreifen, zu dem auch ein ökonomisches Aufbauprogramm gehört. Der Rußland-Experte Alexander Rahr unterstützte kürzlich diese Idee, ebenso wie einen Vorschlag, den die BüSo seit Jahren gemacht hat, nämlich Afghanistan in eine Wirtschaftsunion mit allen seinen Nachbarn zu integrieren und damit zu stabilisieren.

Die europäischen Nationen sollten umgehend auf den Vorschlag von Premierminister Asarow und Sergej Glasjew für dreiseitige Verhandlungen zwischen ihnen, der Ukraine und Rußland für eine gemeinsame ökonomische Entwicklungsperspektive eingehen.

Diese Wirtschaftskooperation könnte Teil des Ausbaus der Eurasischen Landbrücke werden, die der chinesische Präsident Xi Jinping kürzlich in Kasachstan in der Form der Neuen Seidenstraße zur Priorität der chinesischen Politik erklärt hat. Der chinesische Ministerpräsident Li Keqiang hat diese Perspektive bei seiner jüngsten Tour durch Ost- und Mitteleuropa mit bahnbrechenden Abkommen mit Rumänien, Ungarn, und Serbien für den Ausbau eines chinesischen Schnellbahnsystems in diesen Ländern konkretisiert. Alle europäischen Nationen leiden derzeit unter einem dramatischen Rückstau an Infrastrukturinvestitionen und könnten massiv von einer solchen Kooperation profitieren. Der gemeinsame Ausbau der Weltlandbrücke wäre auch die solide Basis für eine Friedensordnung für das 21. Jahrhundert.

Der Asteroideneinschlag am 15. Februar 2013 in Tscheljabinsk in Rußland hat die Welt noch einmal dramatisch daran erinnert, daß wir gegenwärtig über keinerlei Abwehrmechanismen verfügen, um unseren Planeten gegen den Einschlag von Asteroiden, Meteoriten und Kometen zu schützen. Im schlimmsten Fall könnte der Einschlag eines dieser Objekte, von denen Millionen im Weltall unterwegs sind und von denen NASA und ESA bisher nur einen Bruchteil identifizieren konnten, die Menschheit ebenso auslöschen, wie dies vor 65 Millionen Jahren mit den Dinosauriern geschehen ist. Die gemeinsame Verteidigung unseres Planeten kann nur durch eine internationale Zusammenarbeit in der Forschung und Entwicklung von Abwehrsystemen gesichert werden.

China hat mit der Landung seines Rovers „Jadehase“ auf dem Mond bewiesen – eine Mondlandung hat es seit 40 Jahren (!) nicht mehr gegeben -, daß es auf dem besten Weg ist, die führende Weltraumnation zu werden. Die internationale Kooperation bei der Raumfahrt und die Eroberung neuer Grenzgebiete der Wissenschaft gehört zu den gemeinsamen Zielen der Menschheit, die es erlauben, irdische Zwistigkeiten und vermeintlich geostrategische Interessenskonflikte hinter uns lassen und eine bessere Epoche der Menschheit einzuleiten.

Es ist also höchste Zeit aufzuwachen und selber daran mitzuarbeiten, daß die Menschheit überhaupt eine Zukunft hat und daß diese Zukunft großartig wird. Es gibt wunderbare Alternativen zum Dritten Weltkrieg, und die hier genannten Gebiete der Kooperation können um viele wichtige Bereiche erweitert werden, wie zum Beispiel die Zusammenarbeit für den Aufbau einer Weltwirtschaft auf der Basis der Kernfusion oder die Zusammenarbeit und den Austausch in der klassischen Kultur, und die Gestaltung einer völlig neuen Epoche der Menschheit, die der Würde und der Natur der Menschheit als einzig kreativer Gattung angemessen ist.

Wenn Sie für eine bessere Zukunft kämpfen wollen, schließen Sie sich der BüSo an!

Anmerkungen

1Keir A. Lieber und Daryl G. Press, “The New Era of Nuclear Weapons, Deterrence, and Conflict”, Strategic Studies Quarterly.
2Amitai Etzioni, “Who Authorized Preparations for War with China?”, Yale Journal of International Affairs.
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Kommentare

Sind wir Schlafwandler wie 1914? — 1 Kommentar

  1. Wir sind Schlafwandler.. vollkommen richtig.
    Wir sehen nichts, wir hören nichts, wir wollen nur weiter gut leben.
    So stellt sich die Situation für viele wohl dar.
    Irgendwann werden die vielen Schläfer brutal geweckt werden.

    Wie heißt es dann immer: “ Ja das konnte man doch nicht wissen,“
    Doch , man kann, jeder kann, wenn er will. Doch dazu ist man zu bequem,
    man lässt sich doch das Leben nicht vermiesen.
    Wer die Realitäten verleugnet, nicht erkennt, der zahlt in der Zukunft den Preis dafür.
    Der wird bald sehr hoch sein.

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