Vorsicht, Abrutschgefahr!

Vorsicht, Abrutschgefahr!

Liebe Leserinnen und Leser,

pünktlich zu Beginn der närrischen Woche haben wir jetzt auch noch eine Zuspitzung der Beziehungen zwischen Griechenland und Deutschland. Aber, ich bitte Sie, natürlich muss am Schuldenschnitt, am Sparpaket und dem „danach“, sprich der Überwachung, wer warum wann und wo welchen Euro ausgeben wird, gefeilt werden. Wir sind schließlich kein Europa der Macher, sondern der Bürokraten. Genormte Salatgurken hätten Warnung genug sein müssen hinsichtlich dessen, was sich gerade abspielt.

Und wenn Herr Schäuble andeutet, man sollte vielleicht nach den griechischen Wahlen im
April eine „Expertenregierung“ einsetzen, dann will er damit ja niemanden bevormunden,
nein. Er möchte doch nur, dass es so läuft wie bei uns. Nun ist es zwar so, dass Herr
Schäuble tatsächlich lange im Finanzwesen tätig gewesen ist, bevor er das Ministeramt
übernahm, auch Wirtschaftswissenschaften und Jura studierte. Aber sonst? Jawoll, auch da
passt alles. Unser Verkehrsminister kann Auto fahren, die Familienministerin Kinder kriegen,
der Innenminister bleibt gerne drinnen, die Bildungsministerin kann lesen und der
Verteidigungsminister kann vielleicht Judo. Und ich weiß aus sicherer Quelle, dass die
Ernährungsministerin hin und wieder Nahrung zu sich nimmt. Nur Profis im Metier … da
können sich die Griechen mal eine Scheibe von abschneiden.

Ab- bzw. zerschnitten ist jetzt jedoch das Tischtuch zwischen den Deutschen und den
Griechen. Da mögen die Medien einen Teil Mitschuld haben, aber die Basis des Problems ist
die Weigerung anzuerkennen, dass andere Länder und Menschen auch anders ticken. Der
Unmut innerhalb der EU über die Meinungsführerschaft der Achse Deutschland/Frankreich
ist schon groß genug … sollte man sich da nicht hurtig ein wenig zurücknehmen? Reicht es
nicht, dass Großbritannien sich in den Schmollwinkel zurückgezogen hat? Aber nein, es geht
zu wie im Kindergarten-Sandkasten. Der mit der Brille sagt allen anderen, wie die Sandburg
zu bauen ist. Der, der lieber Sandkuchen machen wollte, sitzt maulend in der Ecke. Und die,
die etwas anders sind, müssen automatisch bevormundet werden. Ja, Politik ist wie das
richtige Leben. Nur fehlt es leider an der Erzieherin, die die Unruhestifter an den Ohren zieht
und für Ruhe und Frieden sorgt.

Die Börsen lassen sich, so hat es zumindest den Anschein, jedoch immer wieder und
offenbar nur zu gerne vertrösten. Anstatt die Häufung der Beweise dafür zu erkennen, dass
das Projekt einer Europäischen Union in dieser Größenordnung gescheitert und nicht mehr
reparierbar ist, hecheln insbesondere die Aktienmärkte von einem Kursschub zum nächsten.
Und immer sind es angeblich die Hoffnungen auf eine Lösung der Griechenland-Problematik,
die für Käufe sorgen. Bzw., was die US-Börsen angeht, die feste Erwartung, dass das
Wachstum dort deutlich anziehen wird. Zumindest scheint das so … aber ich fürchte sehr,
dass man hier nur die angenehmsten, einfachsten Erklärungen transportiert, die jedoch in
meinen Augen nur für eine Minderheit des Kapitals zutreffen.

Es ist schon wahr, dass die Erwartungskomponenten bei Sentiment-Umfragen unter
Unternehmern, Finanzmarktexperten, normalen Anlegern, den Bürgern oder
Einkaufsmanagern in den letzten beiden Monaten steil gestiegen sind. Und ich zweifle nicht
daran, dass nicht wenige Akteure, so, wie es immer war, diesen Stimmungsumschwung als
Beweis dafür nehmen, dass sich auch die tatsächliche Lage gebessert hat. Das ist ein völlig
börsentypisches Verhalten, zumal: Je kritischer die Lage, desto mehr übernimmt der Faktor
Hoffnung die Steuerung eigenen Handelns, weil man sich in solchen Situationen liebend
gerne in das Schneckenhaus eines „Alles-wird-gut“-Szenarios zurückzieht. Denn parallel zu
den wachsenden Hoffnungen nimmt laut Umfragen die Bereitschaft zu, negative Meldungen
mit Auswirkungen auf das eigene Leben einfach zu ignorieren. So lebt es sich so lange
bequem, bis die Realität auch an die eigene Haustür klopft, sei es in Form der Inflation,
steigender Abgaben, der Arbeitslosigkeit … oder eines Kurseinbruchs an der Börse. Denn
man sollte es ja eigentlich wissen: Das leben ist kein Wunschpunsch. Nicht mal an Fasching.
Und letzterer (der Kurseinbruch, nicht Fasching) ist umso näher, je mehr Anleger und
Marktbeobachter bestenfalls mal einen kleinen Rücksetzer erwarten, aber auf gar keinen Fall
eine Trendwende nach unten. Das ist jetzt der Fall – und genau das ist das typische Szenario
für „Alarmstufe Rot“! Ob in den deutschen oder den US-Sendern, ich werde von Bullen fast
erschlagen. Wieso das nicht positiv ist? Ganz einfach:

Wer ist denn bullish und gleichzeitig mit dem eigenen Depot neutral oder gar Short?
Niemand. Eben. Je extremer der Anteil der Bullen wird, desto weniger Akteure bleiben, die
noch einsteigen könnten. Nun ist zwar die Meinungsverteilung bei den gängigen Sentiment-
Umfragen gar nicht so massiv bullish, wie es in den Medien der Fall ist. Aber das ist umso
tückischer. Denn zweifellos haben viele Privatanleger erkannt, was wirklich Fakt ist. Aber
deren Marktmacht ist gering. Entscheidend sind die großen Adressen. Und die sind zwar nur
gering an der Zahl, dafür umso kapitalkräftiger. Und deren Absichten und Ansichten tauchen
in solchen Umfragen natürlich nicht auf!

Diese „großen Adressen“, nicht zuletzt die Banken im Eigenhandel, treiben die Kurse weiter
… und ja, mit dem Rückenwind des billigen Geldes, an das sie herankommen, wir jedoch
nicht. Aber heißt das, dass sie damit automatisch ebenso optimistisch sind, wie man es nach
außen trägt? Aber nein!

Eigentlich läuft es momentan wie immer … wie 2007, 2000, 1987 etc. Natürlich treiben sie die
Kurse so lange weiter, bis auch der letzte „private Bär“ umfällt und den Kursen hinterherläuft.
Dann kommt es zu einer typischen Distributionsphase, in der die großen Adressen ihre
Bestände an die „Kleinen“ weiterreichen, die durch die monatelange „Daumen-Hoch“-
Propaganda weichgeklopft wurden und ganz am Ende dann tatsächlich glauben, die Lage sei
wieder in bester Ordnung. Das ist dann die Wende.

Was dabei immer zieht, ist der Verweis diverser Analysten, deren Geschäft nun einmal
kaufende Privatlanger sind, dass es zwar früher in solchen Situationen übel ausging, diesmal
aber doch alles anders sei. Gerne wird dabei darauf verwiesen, dass erstens die Aktien billig
wie nie seien, weil die Kurs/Gewinn-Verhältnisse auf Basis der Gewinne von 2013 oder 2014
ein Witz seien (das können sie vorhersagen, die Ergebnisse des laufenden Quartals aber
nicht … seltsam) und zweitens solche Unsummen verzweifelt nach Anlage suchen würde.

Ersteres ist dummes Zeug, wie immer. Und das verzweifelt nach Anlage suchende Kapital?
Natürlich sind die großen Märkte der deutschen und US-amerikanischen Bonds überlaufen,
die Renditen unattraktiv. Aber das heißt doch nicht, dass man bei Aktien nur deswegen
„sicher“ ist, weil die Anleihen zu teuer sind. Was ist denn das für eine Logik? Schließlich
hätten wir es in den vergangenen Jahrzehnten an den Börsen lernen müssen: Es ist nie alles
anders! Den negativen Rahmenbedingungen davonlaufende Kurse wurden schon immer
abgefangen. Und das wird diesmal nicht anders sein. Wie wäre es mit ein paar brisanten
Fakten?

Die US-Konjunkturdaten werden auch außerhalb der Daten, die sich aus subjektiven
Einschätzungen zusammensetzen, langsam besser. Aber deren Zuverlässigkeit wurde in den
vergangenen Monaten immer geringer, die nachträglichen Adjustierungen immer markanter.
Und haben wir nicht ein Wahljahr? Also Vorsicht vor zu viel Vertrauen in Statistiken. Für
Europa gilt selbstredend das selbe.

Am Mittwoch gab es bei Apple, der Lieblingsaktie der Amerikaner, erste Hinweise auf eine
Distributionsphase. Eine solche Aktie kann auch schon mal zu einem Frühindikator für den
Gesamtmarkt werden.
Die Zahl der offenen Shortpositionen am Terminmarkt war am Mittwochabend in den USA so
niedrig wie seit drei Jahren nicht mehr. Der Überhang an Longpositionen ist also markant –
und das ist nun einmal, siehe oben, eher ein Kontraindikator.

Frühindikatoren mit echter Tauglichkeit wie der Baltic Dry Index oder der Harpex notieren
nach steilem Abschwung jetzt wieder nahe an den Tiefs vom Höhepunkt der Panik Anfang
2009. Das steht in einem krassen Gegensatz zur verkrampften, aber stetig weiter um sich
greifenden Zuversicht vieler Bürger, Politiker, Unternehmer und Investoren.

Die Gewinne der US-Unternehmen sind im vierten Quartal 2011 tendenziell gefallen, die
Aktienkurse aber dennoch gestiegen. Vergleichbares sehen wir in Europa. Eine solche
Schere schnappt nur dann nicht zu, wenn die Basis, sprich die Unternehmensgewinne, zügig
wieder zulegen, d.h. schnell den Kursanstieg „heilen“. Aber steigen tun sie bislang nur in den
Prognosen für 2013 oder 2014, nicht in der Realität. Und die Lage in Europa ist nicht
angetan, hierbei als Beschleuniger einer Besserung zu wirken.

Gut … aber auf der Gegenseite steht das billige Geld, keine Frage. Gäbe es die EZBMilliarden
nicht, wir wären nie und nimmer auf diesem hohen Niveau. Und die Banken
können sich durchaus Risiken erlauben, insbesondere die, die man als „systemrelevant“
eingestuft hat. Falls das geliehene Geld nicht mehr da sein sollte, wenn die drei Jahre
Laufzeit dieser Kredite um ist … na, dann wird die EZB die Laufzeit einfach verlängern. Und
immerhin kommt ja in ein paar Tagen die nächste Tranche. Andererseits …
… weiß denn wirklich jemand, wie weit die Banken den Bogen spannen? Und weiß wirklich
jemand, ob sie Ende des Monats noch viel mehr Geld leihen werden als im Dezember?

Gerüchte besagten vor zwei Wochen, dass dem so sein werde. Vor einer Woche sagte Mario
Draghi jedoch, er erwarte eine in etwa gleiche Summe. Und am Mittwoch vermuteten BaFin
und EBA, es werde weniger sein. Und wirklich wissen tut es keiner. Was, wenn es weniger
wird und dadurch der Eindruck aufkommt, die Banken wollen doch lieber nicht so wüst
zocken, wie es die Bullen von ihnen erwarten?

Und was, wenn der Verfalltermin an diesem Freitag dafür sorgte, dass die Aktienkurse so
hoch gelaufen sind und, wie man es momentan kaum übersehen kann, „da oben“ wie
festgenagelt bleiben?
Was, wenn die Erbsenzählerei hinsichtlich Griechenland eskaliert und die nächsten 130
Milliarden nach dem nächsten Gespräch der Euro-Finanzminister am Montag nicht fließen
werden?

Was wird, wenn sie zwar ausgezahlt werden, dann aber sofort wieder Portugal, Italien und
Spanien im Fokus stehen, die letztlich ja nur künstlich auf einem Renditeniveau gehalten
werden, das den Zusammenbruch verhindert?
Die Lage ist weit weniger gut, als einem der Dax vorgaukelt. Sehen Sie sich dazu doch
einfach den schwachen Euro an. Dort sind die Umsätze so gigantisch, dass auch Milliarden
„Spielgeld“ den Trend nicht nachhaltig beeinflussen können. Dort ist die wahre Lage
ersichtlich … und die Schere zwischen dem Euro und den Aktien nebst manchen Rohstoffen
ist unübersehbar. Und sehen Sie sich mal den Bund Future als Barometer deutscher,
zehnjähriger Anleihen an. Renditen um die 1,8 – 1,9% … und trotzdem bleibt die
Verkaufswelle, der Exitus Richtung Aktienmarkt, aus. Es sind beileibe nicht alle so blind
bereit, an ein „Alles-wird-gut“ zu glauben, wie man es uns Glauben machen will. Dort kann es
der sehen, der sehen will.

Argumentativ ist es nichts als das billige Geld und die durch die Schwere der Krise
besonders intensive Hoffnung auf ein gutes Ende, was die Kurse treibt. Das ist zuwenig, falls
sich die Lage nicht schnell, über einen aus der Hoffnung entspringenden, schon 2009/2010
gesehenen Plazebo-Effekt hinausgehend, bessert. In der närrischen Zeit ist viel erlaubt, auch
überschäumender Optimismus. Und es muss am Aschermittwoch noch keineswegs alles
vorbei sein. Aber wer sich nicht bewusst ist, dass die Börsen hier einen Ritt auf der
Rasierklinge vollziehen, ist in höchster Gefahr.

Aber je länger die Kurse steigen, desto mehr Menschen glauben, dass es so weitergeht.
Dieser Lemming-Effekt ist zwar eigentlich absurd, tritt aber jedes Mal von neuem auf. Sie
übersehen die Warnsignale, ja ignorieren dann sogar eine echte Wende, glauben an einen
Rücksetzer, der ideal zum Zukauf ist … und übersehen:
Jeder Kursrutsch oder jede Trendwende sieht am Anfang wie ein Rücksetzer aus! Also: Nicht
zu früh auf fallende Kurse setzten, noch ist nichts Entscheidendes passiert. Aber bitte
allerhöchste Vorsicht mit bestehenden Long-Positionen. Und wer jetzt meint, erst neu
einsteigen zu müssen, der passt, pardon, wahrlich in diese närrischen Tage! Es wäre besser,
die (Ab-)Rutschgefahr zu erkennen, statt sie zu verdrängen.

Mit den besten Grüßen
Ihr Ronald Gehrt
(www.system22.de)

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