Willkommen im Biedermeier 2.0

Von Ronald Gehrt

Willkommen im Biedermeier 2.0

Liebe Leserinnen und Leser,

falls Sie mich fragen sollten, wie 2012 wird … nun, ich sag mal so: 2012 wird knifflig. Hat ja
auch die Kanzlerin in ihrer Neujahrsansprache angekündigt. Nur hört keiner hin. Ich habe
niemanden in meiner Umgebung entdeckt, der nicht beruflich eng mit dem Geschehen
verbunden wäre und sich nach außen hin ernstlich Sorgen macht. Andererseits … wozu
auch? Irgendwie scheint doch alles bestens zu sein … falls die Nachrichten die Wahrheit
sagen.

Wir haben langsam einen Mangel an Arbeitslosen, hat man den Eindruck. Während
Frankreich die höchste Arbeitslosigkeit seit über zehn Jahren beklagt und in Spanien und
Griechenland die 20%-Marke locker übersprungen wurde, sind es bei uns nur sagenhafte
6,6%. Der beste wert seit der Wiedervereinigung. Und Geld haben wir doch alle. Hört man.
Das Vermögen der deutschen steigt immer weiter. Da applaudiert man doch einem
Blödmann, wie ich ihn zu Neujahr im Radio hörte, der unterstrich, dass man das ganze
Gerede von Krise einfach nicht beachten sollte. Man sollte auf sich selbst achten. Wenn es
einem selbst gut geht, ist auch alles gut. Tja …

… bei so viel Dummheit möchte man wahrlich dreinschlagen. Willkommen im Biedermeier.
Damals, Anfang des 19. Jahrhunderts, gab es schon einmal eine Fluchtwelle ins „Idyll“ (oder
besser in die Ignoranz). Die Probleme der Welt mussten draußen bleiben, man zog sich in
das Private, die Familie, die Gemütlichkeit zurück. Was dazu führte, dass die Zahl der
teilnahms- und ahnungslosen Dumpfbacken im Land rapide zunahm. Und heute ist das alles
noch gemütlicher. Denn im Wohnzimmer steht nun der Fernseher. Und wie wir gerade
erfuhren, ist die Zeit, die JEDER Deutsche im Schnitt von der Glotze fristet, nunmehr auf den
neuen Rekord von 224 Minuten gestiegen. Am Tag, nicht in der Woche. Ohne Computeroder
PlayStation-Spiele natürlich.

Das fiese an so einer Krise ist, dass sie sich nicht von alleine erledigt, wenn keiner hinschaut.
Im Gegenteil. Denn die Zahl derer, die von ihrem gemütlichen Couch-Potato-Dasein unsanft
durch Überschuldung und/oder Arbeitslosigkeit (oder als Selbständiger durch
Umsatzschwund oder aufgefressene Gewinnmargen) in die Realität gerissen werden, steigt
schnell. Sehr schnell. Doch durch diese entsetzliche Manie, Katastrophenmeldungen
andernorts mit Jubelnachrichten hierzulande zu vermengen, werden diejenigen, die das
Schrillen der Alarmglocke nicht hören wollen oder einfach (als Erfolg obiger Medienstrategie)
nicht hören können, in einer trügerischen Sicherheit gewogen, die den Sturz ins kalte Wasser
außerhalb des heimischen Wohnzimmers gefährlich macht. Wer unvorbereitet von der Klippe
fällt, weil er sich in der Masse sicher wähnte, ist nicht nur ein Lemming. Er ist schnell ein toter
Lemming. In diesem Fall eben wirtschaftlich tot.

Pleite? Bloß nichts anmerken lassen …

Aber wie weit sind wir dahingehend schon gediehen? Deutschland geht es gut, sagte die
Kanzlerin. Ei, das ist fein. Und es stimmt, wenn man die offiziellen Zahlen einfach so
hinnimmt. Dabei ist es nicht nur die zunehmende Trägheit von Otto Normalverbraucher, die
kritisches Nachhaken immer seltener werden lässt. Es ist auch der rapide zunehmende
Egoismus, ja beinahe eine pandemische Egomanie, die die meisten das hören lässt, was sie
hören wollen, solange die Probleme nur die anderen betreffen. Und es liegt nicht zuletzt
daran, dass wir eine Schamgesellschaft geworden sind!

Wenn wir in den Medien nonstop von Luxus hören und sehen … dass es allen gut geht …
dass man jetzt auf Qualität achtet und nicht mehr auf den Preis … dass wir fast
Vollbeschäftigung haben und die Deutschen im Schnitt immer reicher werden … dann kommt
man sich wie ein Trottel vor, wenn man nicht dazu gehört. Und da es immer mehr Menschen
so geht, es aber niemand zugeben mag, weil es doch scheinbar allen anderen immer besser
geht, werden die dicken Schlitten eben geleast, noch mehr Kredite aufgenommen und dafür
dick in Urlaub gefahren … oder wenigstens so getan, als wäre man auf den Seychellen
gewesen, indem man den Malle-Aufkleber schnell vom Koffer kratzt. Ich für meinen Teil stelle
in meiner kleinen Welt, einer Welt außerhalb der Standard-Medien und der Reichen, fest:
Immer mehr Menschen geht es schlechter, viel schlechter als vor zehn oder zwanzig Jahren.
Kenne ich nur die falschen Leute? Wohl kaum, den für denjenigen, der hinsieht, ist es
offensichtlich. Nehmen wir doch mal zwei Aspekte heraus:

Zwei Beispiele für Schein contra Sein

Das Statistische Bundesamt hat nunmehr amtlich festgehalten und verfügt, dass unser Euro
kein Teuro ist. Erklärung: Wenn Menschen oft Dinge kaufen, die deutlich teurer geworden
sind, haben sie den subjektiven Eindruck, dass alles teurer wurde, obwohl anderes deutlich
billiger ist. Großer Gott! Das dumme ist halt, dass die meisten Menschen eben
Nahrungsmittel oder Toilettenartikel kaufen müssen, die markant teurer wurden, auch heizen
oder tanken ist hierzulande weit verbreitet. Manch einer hat sogar eine Krankenversicherung.
Das soll es geben! Und da hilft es dann wenig, dass Waschmaschinen heute billiger sind als
vor zehn Jahren. Zumindest ich kaufe die nicht zweimal pro Woche neu. Wenn man einen
realistischen Warenkorb mit korrekter Gewichtung zur Messung der Inflation hernehmen
würde, wäre das Bild ein anderes: ein finsteres.

Zweites Beispiel: die Arbeitslosenzahlen. Wie ist es möglich, dass wir in Europa so eng
miteinander verzahnt sind, aber bei uns immer weniger Menschen arbeitslos sind (trotz
starker Zuwanderung von Arbeitnehmern aus schwachen EU-Ländern), während es um uns
herum immer kritischer wird? Wie kann Deutschland seit einigen Monaten nicht mehr
wachsen, aber eingestellt wird scheinbar ohne Limit? Gar nicht, mit Verlaub.

Sicher, der Arbeitmarkt reagiert auf Veränderungen der Konjunktur meist mehrere Monate
verzögert. Weil die großen Unternehmen solche Veränderungen selten rechtzeitig erkennen.
Das geht den Anlegern und Otto Normalverbraucher ja auch so, wie wir gerade lernen.
Wieder mal lernen. Der Umgang mit sich verschlechternden Rahmenbedingungen ist so wie
der Umgang mit dem Tode: Sterben tun immer nur die anderen. Was ich nicht sehen will, ist
auch nicht da. Eine feine Methode, ganz Biedermeier … und genau die Art des Umgangs mit
der Realität, die die Menschen seit Urzeiten zu den unglaublichsten Dummheiten befähigt.
Ich hatte diesen „Beschiss“ bereits in einer Kolumne am 29.07.2010 genauer aufgeführt
(siehe auch im Archiv unter www.system22.de/kolumnen.html) und wollte eigentlich nie
wieder darüber schreiben, aber es muss wohl mal wieder sein.

Wussten Sie, wer alles aus dieser Arbeitsmarkt-Statistik ausgeschlossen wird? Angeblich
waren im Dezember 2,78 Millionen Bürger arbeitslos. Dabei nicht eingerechnet werden:
diejenigen, die:

– über 58 sind und im letzten Jahr kein neues Stellenangebot mehr bekommen haben.
Das sind mal flotte 359.000 Personen! Und …
– Personen mit Ein-Euro-Jobs. Immerhin aktuell 163.000 Menschen.
– Menschen, die arbeitslos, aber gerade in „beruflicher Weiterbildung“ sind: 168.000.
– Arbeitslose, die sich in beruflicher Eingliederung befinden, dazu zählen auch
Leiharbeiter: 143.000
– Arbeitslose, die sich krank gemeldet haben, aktuell ca. 88.000.
– Beschäftigungszuschuss, Bürgerarbeit, Fremdförderung: noch mal ca. 98.000

Insgesamt sind es also in Wahrheit eine gute Million Arbeitslose mehr. Es sind faktisch 3,8
Millionen … wiederum nicht eingerechnet diejenigen, die einfach nicht als arbeitslos gelten,
weil die ehemalige Selbständige sind, die sich nicht beim Arbeitsamt melden und die, die von
Vater Staat einfach verrentet werden, obwohl sie das normale Rentenaltern noch nicht
erreicht haben. Das kann gerne noch einmal eine halbe Million sein. Da wären wir dann bei
ca. 4,3 Millionen und somit bei einer Arbeitslosenrate von faktisch knapp über zehn Prozent.
Hurra.

Die „Wachen“ werden zahlreichen

Wer an den schönen Schein glauben will, bekommt ihn allerorten serviert. Wer indes die
Augen aufmacht, sieht die schmutzige Wahrheit hinter dem Vorhang. Nun habe ich oben
erwähnt, dass ein neuer Trend zur Biedermeierei dazu führt, dass immer mehr Menschen
einfach „den Kopp zumachen“ und sich hinter der Glotze verschanzen. Doof und unwissend,
aber auf eine seltsame Weise glücklich. Das ist sicher wahr, aber es gibt eben auch eine
andere Seite:

Die Gruppe derer, die nichts ungefragt hinnehmen, die genauer hinsehen, die wissen wollen,
was vorgeht, wächst ebenfalls. Und das ist, was unser aller Zukunft angeht, trotz der in
dieser Gruppe mit enthaltenen Verschörungstheorie-Fans und Spinner jeder Couleur ein
wichtiger Fortschritt. Es bedeutet, dass die Zahl derer, die wie einst 2008 den „Alles ist gut“-
Parolen der Politik auf den Leim gehen, nicht zunimmt. Mir klingelt immer noch das hirnlose
„The economy is strong“-Geplapper des US-Präsidentschaftskandidaten McCain in den
Ohren. Damals glaubten zu viele Menschen daran, dass das wieder irgendwie gekittet würde
und man selbst (was mit den anderen passiert, ist ja wurst) ohne Kratzer aus der Sache
herauskommt. Heute …

… könnte das völlig anders laufen. Ich will es zumindest sehr hoffen. Die Zahl derer, die aktiv
werden, die selbst egal wie mit anpacken, um zu verhindern, dass aus der momentanen
Scharade eine Katastrophe wird, deren Ablauf völlig unkalkulierbar wird, wächst. Und das
muss sie, denn was wird sonst geschehen?

Bitterböse Perspektiven

Natürlich werden die Deutschen im Schnitt immer reicher. Aber die Mitte der normalen,
einigermaßen gut situierten wird immer kleiner. Die Superreichen ersaufen in Geld, aber die
Zahl der Armen wächst stetig. Daraus einen Schnitt zu errechnen und die Daumen hoch zu
halten, ist genauso dumm oder bösartig wie die Berechnung der Arbeitslosenzahlen und der
Inflation. Und in den Staaten der Eurozone, in denen jetzt zur Einhaltung momentan völlig
belangloser Vorgaben die Konjunktur stranguliert wird, ist diese Entwicklung noch einiges
extremer. Wie blöde muss man sein, um den darin enthaltenen Sprengstoff nicht zu
realisieren?

Wie blöde muss man sein, um den schönen Schein zu wahren um den Preis, dass der Kern
verfault? Mittlerweile sind es Billionen, die in ein in sich nicht standfähiges Kartenhaus
gepumpt werden, um Staatshaushalte und Banken vor dem Zusammenbruch zu retten. Das
ist fein. Und es geschieht mit dem Argument: Wenn Staaten und Banken pleite gehen, trifft
es alle, auch und gerade den kleinen Mann. Das ist sozial gedacht, meiner Treu. Nur wird
dabei grob fahrlässig (oder gar vorsätzlich) übersehen, dass das Abwürgen der Konjunktur
durch Sparvorgaben am Bürger nicht nur diesen direkt schadet, sondern zudem auch noch
eine Kettenreaktion auslöst, die, wenn es so weitergeht, nicht in kleinen, sondern in
Flutwellen in Deutschland, den USA und Asien ankommen wird. So wie 2008. Nix gelernt?
Genau: nix gelernt.

All diese Milliarden kommen nicht bei den Bürgern an, sie werden ihnen teilweise sogar
abgezogen. Und das unübersehbare Bemühen, aktiv oder verbal die Börsen stabil zu halten,
geschieht auch nicht um des kleinen Sparers willen, sondern im Interesse der großen
Adressen und Unternehmen. Denn die Zahl derer, die sich Aktivitäten an der Börse leisten
können, sinkt.

Die Entscheider laborieren, um es mit einem Beispiel zu veranschaulichen, an der in ihrer
Masse kaum relevanten Erdkruste herum, indem sie Sand (bzw. Geld) in Erdlöcher schütten.
Aber der Druck im Erdinnern, dort, wo die 99% der Masse ruhen, steigt. Und alle tun so, als
wäre nichts.

Jeder, der sich dessen bewusst wird, der dem schönen Schein nicht auf den Leim geht
sondern überlegt handelt, der andere informiert und zum Nachdenken anregt, ist jetzt Gold
wert. Wir kommen nicht um eine Rosskur herum, um die Weltwirtschaft in ein paar Jahren
wieder zu stabilisieren. Aber es ist ein großer Unterschied, ob das im Zuge einer
kontrollierten Verschlankung mit überlegten Reformen passiert oder auf dem Wege einer
Scharade wie jetzt, in welcher sinnfreie Aktivitäten zu einer Verschärfung der Lage führen
und die sozialen Spannungen zunehmen, während die Zahl der Biedermeier, eingelullt durch
die rosa Propaganda eines „Deutschland geht es gut“, auf ihren Sofas ohne es zu wissen
einer Panik entgegen dösen, in der dann alles außer Kontrolle gerät. Aufwachen, bitte. Jetzt!

Und was macht die Börse?

Um auf die Eingansfrage zurück zu kommen: Wie wird denn nun 2012? Tja … für viele
sicherlich ein schweres Jahr auf dem Weg zu noch schwereren Jahren. Aber das muss nicht
zwingend bedeuten, dass die Börsen in 2012 einbrechen. Trotz der „zweckfreien“ halben
Billion an europäische Banken und fleißige Aktivitäten der EZB, der Fed, des IWF und allen,
die Geld drucken oder herbeireden können, sprechend die Rahmenbedingungen und die
momentanen Aktivitäten der Entscheider zwar dafür, dass auch die Börsen reagieren werden
– und zwar weit markanter als im Sommer 2011.

Aber diese Flutung mit Geld kann den Prozess ebenso verzögern wie die Zahl derer, die
immer noch daran glauben, dass die Krise nur die anderen treffen wird und weiter fleißig
kaufen. Ich zweifle absolut nicht daran, dass der Dax im Zuge dieser Krise, die uns noch
lange erhalten bleiben wird (immerhin währt sie eigentlich seit 2007 nonstop), nicht nur die
5.000, sondern auch die 4.000er-Marke locker unterschreiten wird. Aber wann das losgeht
und ob es bereits 2012 wirklich heftig wird, kann niemand vorhersagen. Nur: Wer wach bleibt,
bekommt mit, wenn es passiert. Auch hier gilt also: Aufwachen … und wach bleiben!

Mit den besten Grüßen
Ihr Ronald Gehrt
http://www.system22.de/

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